Sophie Bonnet: Provence, Kochen, Krimis – und die Kunst, Frankreich sinnlich zu erzählen
Shownotes
Heike Koschyk alias Sophie Bonnet nimmt uns mit in ihre Provence: zu Düften, Gerichten, Landschaften und Geschichten. Im Gespräch erzählt sie von ihrem Weg zur Schriftstellerin, von ihrem Ermittler Pierre Durand im fiktiven Luberon-Dorf Sainte-Valérie und davon, warum Kochen und Genuss in ihren Büchern eine so große Rolle spielen.
Sie hören unter anderem:
– wie aus Mode und Naturheilkunde der Weg zum Schreiben wurde
– warum der Agatha-Christie-Krimipreis ein Wendepunkt war
– was Kochen für sie bedeutet und warum die Bouillabaisse für sie das Signature-Gericht Südfrankreichs ist
– wie ein Provence-Krimi entsteht und warum sie manchmal selbst noch nicht weiß, wer der Mörder ist
– wie sie vor Ort recherchiert
– wer Pierre Durand ist
– warum die Provence so vielfältig ist und wie still ihre Dörfer im Winter werden
Für wen ist diese Folge besonders interessant?
Für Menschen, die
– gern Provence-Krimis und Frankreich-Romane lesen
– gern französisch kochen und genießen
– die Provence abseits der Hochsaison kennenlernen möchten
– wissen möchten, wie ein Krimi entsteht
Orte und Stationen aus der Folge
– der Luberon und das fiktive Dorf Sainte-Valérie
– Tanneron und die Mimosenblüte bei Mandelieu-la-Napoule
– Avignon, Saint-Rémy und Tarascon
– Porquerolles
– die Haute-Provence und das Plateau de Valensole
– Saint-Paul-de-Vence und Gordes
Kulinarische Eindrücke aus der Folge
– Bouillabaisse mit Rouille
– Hachis Parmentier
– Zitronenhühnchen
– deftige Ragouts, wie Pierre Durand sie mag
– Rezepte am Ende jedes Krimis
Reisetipp aus der Folge
Die Provence lohnt sich auch außerhalb der Hochsaison: im Februar zur Mimosenblüte rund um Tanneron oder im Winter, wenn die Dörfer still und sehr privat werden.
Weiterführende Inspiration
Wenn Sie die Provence selbst erleben möchten, finden Sie auf unserer Website sorgfältig kuratierte Reiseideen. Sie bilden die Grundlage für ein individuelles Reiseangebot:
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Das Transkript zum Nachlesen: https://tourexquisit.de/provence-sophie-bonnet-podcast/
Mehr von Sophie Bonnet finden Sie auf ihrer Website:
Transkript anzeigen
00:00:00:
00:00:04: Bienvenue bei „À table!“, dem Frankreich-Podcast von Tour Exquisit mit Antje Seele.
00:00:10: Hier hören, schmecken und erleben Sie Frankreich auf vielfältige Weise – mit Menschen, die dem Land verbunden sind.
00:00:19: „Niemand verbindet Genuss und Verbrechen so harmonisch wie Sophie Bonnet.“
00:00:24: Das schreibt die Hamburger Morgenpost über meinen heutigen Gast, und ich finde, das trifft es ziemlich genau.
00:00:30: Hinter dem Namen Sophie Bonnet steckt Heike Koschyk, geboren in New York, aufgewachsen in Hamburg und Travemünde.
00:00:36: Studium der Germanistik und Sinologie in München, fünfzehn Jahre lang eine eigene Modeagentur, später Heilpraktikerin –
00:00:43: und irgendwann der Schritt in das, was vielleicht immer schon da war: das Schreiben.
00:00:48: Unter ihrem Pseudonym Sophie Bonnet schreibt sie Provence-Krimis, die regelmäßig auf der Spiegel-Bestsellerliste stehen.
00:00:55: Ihr Ermittler Pierre Durand lebt in einem fiktiven Dorf im Luberon, und wenn er gerade nicht ermittelt, kocht er oder lässt sich bekochen – genau wie seine Schöpferin.
00:01:04: Und als wäre das nicht genug, hat Heike auch Kochbücher geschrieben, die die Provence Region für Region auf den Teller bringen.
00:01:11: Liebe Heike, ich freue mich sehr, dass du heute hier bist.
00:01:14: Herzlich willkommen!
00:01:15: Vielen Dank.
00:01:16: Ich freue mich auch.
00:01:18: Heike, du hast mal gesagt, du wünschst dir mehr Wohlwollen und Wertschätzung.
00:01:24: Galt das für Autoren, oder ist das ganz allgemein gemeint?
00:01:27: Was steckt dahinter?
00:01:29: Nein, es ist schon ganz spezifisch für Autoren gemeint, weil man unglaublich viel Arbeit und Herzblut hineinsteckt.
00:01:38: Und wenn dann eine gewisse Selbstverständlichkeit eintritt und man nicht so wahrgenommen wird, dann finde ich das schwierig. Menschen sollten sich untereinander wertschätzen für das, was sie tun.
00:01:49: Nicht nur für das, was sie leisten, sondern auch für das, was sie sind. Und ich finde es ganz wichtig in einer Gesellschaft, wie wir sie heute haben, dass man mehr Wertschätzung und Respekt voreinander hat.
00:02:00: Ich finde, das ist eine ganz schöne Einführung.
00:02:04: Da kann ich total mitgehen.
00:02:07: Wenn ich mir deinen Lebensweg anschaue, dann habe ich fast das Gefühl, da kommen mehrere Leben zusammen.
00:02:13: New York, Hamburg, Mode, Heilpraktik, Schreiben … Ich habe mich gefragt: Was hat diese verschiedenen Stationen miteinander verbunden?
00:02:22: Hast du darauf eine Antwort?
00:02:24: Eigentlich immer der Traum, den Platz zu finden, an dem ich richtig bin.
00:02:28: Ich habe viel ausprobiert, was ich spannend fand.
00:02:31: Ich habe nie etwas nur gemacht, weil ich Geld verdienen musste.
00:02:36: Natürlich kommt das dazu. Aber auch beim Geldverdienen in ganz normalen Dingen, während des Studiums zum Beispiel bei Aushilfsjobs, habe ich immer nach dem gesucht, was mich erfüllt.
00:02:47: Ich finde das total wichtig. Man verbringt so wahnsinnig viel Zeit mit seiner Arbeit, und wenn man dann keine Lust auf das hat, was man tut, muss man sich anders umschauen.
00:02:57: Das war immer mein Drang: mich da wohlzufühlen, wo ich bin, und meine Arbeit zu lieben. Und deshalb hat es mich immer zu unterschiedlichen Stationen geführt.
00:03:07: Also dieses Thema „Lieben, was man tut“ – das ist es, was alles verbindet?
00:03:11: Genau!
00:03:12: Das ist mir total wichtig, und es ist auch schön zu sehen.
00:03:15: Es gibt manche Stationen, die ich sehr geliebt habe und in denen ich mich wohlgefühlt habe, bis ich irgendwann gemerkt habe: Ich bin nicht mehr richtig da.
00:03:21: Die Modebranche zum Beispiel. Ich fand das wirklich großartig, die Stoffe und Farben – das ist ja auch jetzt noch mein Ding.
00:03:29: Das spürt man ja beim Lesen meiner Bücher.
00:03:33: Ich bin ein sehr, sehr visueller Mensch und mag es, Bilder zu erschaffen.
00:03:37: Und dieses Visuelle ist in der Modebranche sehr groß.
00:03:41: Es ist aber natürlich auch eine Handelsgesellschaft, sage ich mal.
00:03:45: Und irgendwann habe ich gemerkt, ich bin nicht mehr ganz richtig da, wo ich bin, und habe mich dann in die Naturheilkunde eingearbeitet.
00:03:53: Das fand ich unglaublich spannend, eigentlich das Ganze zu sehen.
00:03:57: Mir ging es immer darum, mich zu fragen, wenn ein Patient vor mir saß: nicht einzelne Punkte oder Symptome zu betrachten, sondern das große Ganze – wie funktioniert der Mensch, wo ist etwas in Unordnung geraten?
00:04:11: Und dieses Denken hat mir auch sehr geholfen, Menschen zu verstehen und auch Krankheiten zu verstehen.
00:04:18: Das ist im weitesten Sinne auch etwas, das sich in meinen Büchern fortsetzt: Menschen anschauen zu wollen und nicht nur zu verurteilen oder zu beurteilen, sondern zu schauen,
00:04:27: warum etwas so ist, wie es ist.
00:04:29: Das ist also sozusagen der Sprung von der Mode zur Heilpraktik?
00:04:34: Weil es dir in der Mode dann zu oberflächlich war?
00:04:37: Ja, die Tiefe hat mir gefehlt, obwohl ich mich dort eine Zeit lang wirklich sehr wohlgefühlt habe.
00:04:41: Und in der Naturheilkunde war es dann ja zu tief!
00:04:48: Aber es ist ja auch so, dass jeder Lebensabschnitt bestimmte Dinge mitbringt, die einen weiterbringen.
00:04:55: Die einen bereichern. Ich möchte nichts missen von all dem, was ich getan habe.
00:04:59: Es waren alles Stufen auf dem Weg dorthin, wo ich hinkommen wollte.
00:05:03: Und in einem anderen Interview hast du es ja bereits gesagt.
00:05:06: Es war schon immer mein Traum, Schriftstellerin zu werden.
00:05:09: Nur ging der Weg dahin eben um mehrere Ecken herum, bis ich dort angekommen bin, wo ich jetzt stehe.
00:05:17: Total spannend, und das macht dich auch sehr sympathisch.
00:05:19: Ich kann das so gut nachvollziehen, weil es mir mit dem Reisen genauso ging.
00:05:23: Sag mal, jetzt sind wir also bei der Heilpraktik – ist aus dieser Entwicklung dann ein Buch entstanden?
00:05:29: Ich glaube, da ist nämlich schon das erste Buch entstanden.
00:05:33: Genau.
00:05:34: Ich war nicht nur Heilpraktikerin, sondern auch Dozentin an einer Schule für Naturheilkunde. Und ich hatte da ein Thema am Wickel, das ich unglaublich spannend fand und zu dem es überhaupt noch keine Literatur gab oder nur ganz wenig.
00:05:46: Dann habe ich ein Praxisbuch geschrieben, nachdem ich in meinem Kurs gemerkt hatte: Es wird Material gebraucht.
00:05:51: Ich habe das zusammengestellt, und es ist so dick geworden, dass ich dachte: Das könnte auch ein Buch werden.
00:05:56: Und das ist tatsächlich von einem renommierten Therapieverlag, also einem Verlag für Therapeuten, angenommen worden.
00:06:05: Das war so ein Moment, in dem ich dachte:
00:06:06: Ich habe immer davon geträumt zu schreiben, und ich kann es offenbar, und ein Verlag will mein Buch haben.
00:06:12: Und auch wenn das erst einmal ein Sachbuch war, hat sich da etwas bei mir bewegt. Ich wollte dem nachgehen und habe angefangen – und es war ein unglaublich langer Weg bis dahin, wo ich jetzt stehe.
00:06:23: Das hat natürlich nicht gleich funktioniert.
00:06:26: Ich habe mehrere Bücher für die Schublade geschrieben, die auch nicht gleich genommen wurden.
00:06:32: Aber ja, es war der Anfang.
00:06:35: Man sieht es dir richtig an, du fängst sofort an zu strahlen, wenn du von dem ersten Buch erzählst.
00:06:42: So ein gewisser Stolz und Freude – das ist total schön zu sehen!
00:06:46: Wann kamen dann die Momente, in denen du dich wirklich dafür entschieden hast
00:06:52: zu schreiben?
00:06:54: Eigentlich habe ich in dem Moment schon angefangen mit diesen Büchern.
00:06:57: Aber es war natürlich auch immer die Frage: Wie verdiene ich mein Geld?
00:07:00: Und man verdient natürlich am Anfang überhaupt kein Geld,
00:07:03: wenn man Manuskripte verfasst, die sowieso nicht genommen werden. Ich hatte dann einen Agenten – zum Glück hat mich einer angenommen.
00:07:12: Das ist ja heutzutage auch immer so eine Frage, ob man überhaupt Unterstützung findet. Und der hat an mich geglaubt.
00:07:17: Ich hatte zwei Bücher beim Fischer Verlag, also einmal bei Scherz und einmal bei Fischer, aber die sind sofort wieder aus den Regalen verschwunden.
00:07:25: Und irgendwie war die Frage, ob ich das überhaupt kann.
00:07:32: Ob ich davon leben kann. Und irgendwann – ich weiß gar nicht mehr genau – ja, da gab es eine Preisverleihung für den Agatha-Christie-Krimipreis.
00:07:42: Ich habe mich dafür beworben und mir die Frage gestellt: Wenn das etwas wird,
00:07:48: dann ist es die richtige Branche für mich. Und wenn nicht, dann muss ich schauen, dass ich Geld verdiene.
00:07:53: Ich wollte auch unabhängig sein.
00:07:54: Ich hatte natürlich inzwischen meinen Mann, aber ich wollte mich nicht von meinem Mann finanzieren lassen.
00:07:57: Das war einfach die Frage: Trägt mich das oder nicht?
00:08:02: Es war sozusagen eine Schicksalsentscheidung – und dann habe ich dort den ersten Preis gewonnen.
00:08:06: Den ersten Preis des Agatha-Christie-Krimipreises.
00:08:09: Den ersten Platz!
00:08:10: Und was war das für ein
00:08:11: Gefühl?
00:08:12: Ja, super!
00:08:13: Ich hatte ja noch nie Anerkennung bekommen.
00:08:14: Deswegen sind wir wieder bei Anerkennung und Wertschätzung.
00:08:17: Ich hatte nie wirklich Anerkennung für das bekommen, was ich beim Schreiben mache, außer Verträgen. Aber auch da, wie gesagt: Titel in der B- oder C-Listung, schnell wieder raus aus dem Markt.
00:08:27: Das war für mich diese Anerkennung:
00:08:29: Ja, du kannst das!
00:08:30: Ich hatte das vorher selbst nicht so richtig geglaubt. Das ist etwas, das dir liegt, bleib dran.
00:08:37: Und dann habe ich einfach all meine Energie hineingesteckt. Es war noch ein langer Weg bis zu den Sophie-Bonnet-Krimis, aber ich bin drangeblieben, und das war gut so.
00:08:46: Ja, das ist, glaube ich, auch immer ein Teil davon:
00:08:48: die Anerkennung, aber auch dieses Dranbleiben.
00:08:52: Du stehst jetzt regelmäßig auf den Bestsellerlisten und sagst aber von dir selbst, du bist kein öffentlicher Mensch.
00:08:59: Wie gehst du damit um?
00:09:00: Wie gehst du mit dieser Spannung
00:09:01: um?
00:09:02: Ach, das geht eigentlich ganz gut!
00:09:05: Als Autorin ist man auch nicht öffentlich.
00:09:07: Es kommt darauf an, wie man sich selbst positioniert, ob man sich selbst ein bisschen mehr in den Mittelpunkt schiebt oder ob man im Hintergrund bleibt.
00:09:16: Aber im Grunde genommen tragen ja die Bücher selbst das Gesicht.
00:09:20: Wer im Hintergrund bleibt, bleibt auch nicht unbedingt haften.
00:09:23: Es sei denn, man ist wirklich eine ganz, ganz große Größe.
00:09:27: Ich bin zwar Bestsellerautorin, aber es geht ja noch ein paar Schritte höher, und dann kommt man unweigerlich in die Öffentlichkeit.
00:09:34: Aber so finde ich das sehr angenehm, muss ich ehrlich sagen, weil ich meinen Elfenbeinturm mag, in dem ich sitze und schreibe, und aus dem ich herauskomme, wenn das Buch erscheint.
00:09:46: Ich mag Lesereisen, weil es schön ist, mit Menschen in Kontakt zu kommen und mich mit ihnen auszutauschen.
00:09:53: Aber mein Gesicht so in die Öffentlichkeit zu halten, ist eigentlich nicht mein
00:09:56: Ding.
00:10:01: … auch schon beim nächsten Thema.
00:10:14: Du hast ja nicht nur Krimis geschrieben, sondern auch Kochbücher,
00:10:18: jetzt zum Sommer hin das Kochbuch „Provenzalischer Genuss“.
00:10:22: Ich habe es aufgeschlagen und hatte sofort das Gefühl, da geht es nicht nur um Rezepte, sondern um eine ganze Haltung, eine Haltung zum Leben.
00:10:31: Was bedeutet Kochen für dich?
00:10:33: Ja, es hat etwas sehr, sehr Sinnliches.
00:10:35: Die Leidenschaft zum Essen, zum Kochen – das ist einfach Genuss und Lebensfreude!
00:10:40: Und wenn man sich damit auseinandersetzt, dann ist es nicht nur etwas, das einen vom Magen her nährt, sondern vom ganzen Dasein.
00:10:48: Das bereichert einen und gibt einem viel Kraft und Energie, auch wenn Kochen selbst anstrengend sein mag.
00:10:54: Aber es ist ein Lebensgefühl, ja.
00:10:55: Gerne essen, gerne kochen – und das soll das Buch auch transportieren.
00:11:00: Vor allem soll es auch das französische Lebensgefühl transportieren, das wir, glaube ich, manchmal auch ein bisschen gebrauchen können.
00:11:07: Ja, ein bisschen Sonne ins Leben bringen.
00:11:10: Ja, da bin ich voll bei dir!
00:11:11: Kannst du dich erinnern, als du das Buch gemacht hast:
00:11:14: Gab es da einen Moment, in dem du so richtig in der Provence warst?
00:11:19: Während des Kochbuchs?
00:11:21: Oder gibt es ein bestimmtes Gericht, an dem du dieses provenzalische Lebensgefühl sofort festmachst?
00:11:27: Ah, da gibt es mehrere.
00:11:29: Es sind ja auch Gerichte drin, die man gar nicht so auf dem Zettel hat, wenn man an die Provence denkt, wie zum Beispiel
00:11:32: das Hachis Parmentier, das meine Kinder total geliebt haben.
00:11:37: Aber der Klassiker war … Ich unterbreche
00:11:38: mal ganz kurz: Was ist das, für unsere Hörer?
00:11:40: Ach so, das ist eine Art Hackfleisch-Kartoffelbrei-Gericht.
00:11:44: Es ist überbacken!
00:11:45: Das ist wirklich so lecker!
00:11:49: Das habe ich gesehen und habe gedacht, das habe ich auch noch nie gegessen.
00:11:52: Das muss ich unbedingt machen.
00:11:53: Das ist köstlich!
00:11:54: Oder die Eselsohren, dieser selbst gemachte Nudelauflauf.
00:12:00: Das sind so Sachen, bei denen man eigentlich nicht an die Provence denkt.
00:12:03: Aber wenn du fragst, bei welchem Gericht ich mich regelmäßig erinnere und mich in diese Stimmung hineinversetzt fühle, dann ist es zum Beispiel die Bouillabaisse.
00:12:12: Die Bouillabaisse ist für mich der Klassiker.
00:12:15: Wenn ich in der Provence bin, gerade in Südfrankreich, also in Cannes oder in Sanary-sur-Mer, dann ist das das, was ich essen muss, wegen dieser Kombination: Es ist ja eigentlich ein Fischsud, da ist Safran drin, und dann hat man geröstete Brotscheiben, auf die ein bisschen Knoblauch gerieben ist, und darauf die Rouille, eine etwas schärfere Knoblauchmayonnaise, quasi ein französisches Aioli, mit Käse bestreut – und das tunkt man in diese Suppe.
00:12:44: Und das Ganze saugt sich voll mit diesem Safran-Fischsud.
00:12:47: Es ist so göttlich!
00:12:49: Es ist wirklich lecker.
00:12:51: Für mich ist die Bouillabaisse tatsächlich ein Signature-Essen für
00:12:56: Südfrankreich.
00:12:57: Man merkt sofort, wie sinnlich du auf die Welt schaust – über Geschmäcker, Gerüche und Stimmungen.
00:13:04: Würdest du sagen, dass diese Art der Wahrnehmung auch dein Schreiben prägt?
00:13:08: Auf jeden Fall.
00:13:09: Mir ist immer wichtig, dass die Leserinnen und Leser, die meine Bücher lesen, sofort Bilder vor Augen haben, so als ob ein innerer Kinofilm läuft.
00:13:18: Es ist eine bestimmte Art zu lesen, die nicht nur spannungsgetrieben ist, sondern auch bildgetrieben, und das funktioniert, glaube ich, ganz gut.
00:13:27: Ja. Hast du diese Mischung aus Spannung und Genuss sofort gemerkt,
00:13:32: dass das deine eigene Tonalität ist?
00:13:36: Ich habe es mit Beginn der Serie gemerkt.
00:13:38: Ich wusste vorher gar nicht, dass das alles so in mir schlummert.
00:13:42: Obwohl das schon immer da war.
00:13:44: Ich hatte zum Beispiel, nachdem ich die erste richtig lange Provence-Reise gemacht hatte, Mitte der Neunzigerjahre war das, einen runden Geburtstag und habe sofort versucht, all diese Rezepte umzusetzen.
00:13:57: Dann habe ich eine Gartenparty gemacht, mit Lampions in den Bäumen, und habe tagelang gekocht und ein Riesenbuffet gemacht.
00:14:04: Wir haben es uns richtig gut gehen lassen, und da habe ich schon gemerkt, dass mir das liegt.
00:14:07: Dass es etwas ist, das mich trägt. Aber ich habe es erst fünfzehn Jahre später in die Sophie-Bonnet-Krimis hineingebracht, und da hat es dann einfach zusammengepasst.
00:14:18: Ich habe mich das gefragt:
00:14:20: Ich habe im Kochbuch gesehen, dass ganz hinten auch Menüvorschläge drin sind.
00:14:24: Das finde ich ja immer sehr sympathisch.
00:14:25: Ich hatte auch mal ein Kochbuch, „Feste in meiner Mühle“, von einem Franzosen, der Gemüse gemacht hat – und nicht nur die Rezepte, sondern er hat auch genau beschrieben: Was musst du zwei Tage vorher machen?
00:14:36: Welche Tischdekoration passt dazu?
00:14:39: All diese Details. Ich würde dich jetzt so einschätzen: Du bist auch nicht die spontane Gastgeberin,
00:14:45: sondern du planst deine Menüs auch sehr genau?
00:14:49: Ja, das ist auch so!
00:14:50: Wenn ich schon Freunde einlade, dann mache ich das auch richtig.
00:14:54: Mein Mann verzweifelt daran, er möchte manchmal spontan Gäste einladen.
00:15:00: Ich möchte da gerne irgendwie etwas Schönes draus machen.
00:15:03: Nein, klar, für die Familie wird dann auch spontan etwas gemacht.
00:15:07: Aber wenn Gäste kommen, dann soll es auch richtig schön und lecker sein.
00:15:11: Man sieht es ja auch in dem Buch: Du hast es nicht nur geschrieben, sondern auch alles selbst fotografiert und im Detail angerichtet.
00:15:19: Das macht wirklich richtig Spaß.
00:15:22: Man hat Lust, das eine oder andere nachzukochen.
00:15:25: Ich glaube, das Zitronenhühnchen steht für mich als Erstes auf der Liste. Ja,
00:15:28: genau, das ist auch sehr gut.
00:15:32: Und
00:15:32: in deinen Büchern kommen ja zum Schluss immer mehrere Rezepte.
00:15:36: Was planst du zuerst, den Mord oder das Menü?
00:15:39: Nee, den Mord.
00:15:40: Ich schreibe erst das Buch und lasse die Protagonisten darin einiges essen, und erst zum Schluss entscheide ich aus dem, was vorher vorkommt,
00:15:49: was gegessen oder manchmal auch nur erwähnt wurde, was dann nachher in die Rezepte hineinkommt.
00:15:54: Weil sich manchmal ja auch etwas wiederholt.
00:15:56: Mein Kommissar isst gerne deftige Ragouts, und wenn ich jetzt jedes Mal ein Ragout ans Ende des Buches setze, dann wird es irgendwann langweilig, egal aus welcher Region es kommt.
00:16:05: Das ist immer unterschiedlich.
00:16:06: In der Camargue schmeckt es anders als … Aber trotzdem muss ich es ja variieren.
00:16:13: Eigentlich entscheide ich erst zum Schluss, was gut in diesen Rezeptteil hineinpassen würde.
00:16:22: Man hat das Gefühl, dass du sehr genau beobachtest, oder?
00:16:24: Die Orte, die Menschen … Ich habe mich gefragt: Wenn du dir jetzt einen neuen Provence-Krimi überlegst, was kommt zuerst?
00:16:33: Ist es erst die Handlung?
00:16:34: Ist es eine Figur, ist es der Ort oder ein bestimmtes Thema?
00:16:40: Es sind meist Themen und Orte.
00:16:44: Während ich durch die Provence fahre, habe ich natürlich immer einen Blick darauf, was man verwerten kann.
00:16:50: Was interessant ist. Ich möchte den Leserinnen und Lesern ja auch die Kultur nahebringen, die gesellschaftlichen Umstände in der Provence.
00:16:56: Ich möchte nicht nur das Schöne zeigen, sondern es soll auch ein bisschen das gezeigt werden, was die Menschen beschäftigt.
00:17:01: Also eine gewisse Authentizität ist mir auch wichtig –
00:17:07: die dann natürlich so beschrieben ist, dass man es trotzdem noch leicht lesen kann.
00:17:11: Aber dieser Einblick ist mir wichtig, und so fahre ich mit diesem Blick durch die Provence.
00:17:18: Ich freue mich auch über Hinweise auf bestimmte Themen, die interessant sind.
00:17:24: Ich hatte zum Beispiel eine Lesung in Leipzig.
00:17:26: Da hat mir die Buchhändlerin erzählt, dass sie eine Wanderung durch die einsamen Dörfer gemacht hat, die verlorenen Dörfer in der Provence.
00:17:33: Und das hat mich so interessiert, dass ich ein bisschen nachgehakt habe, und daraus ist dann das Buch „Provenzalische Schuld“ geworden.
00:17:41: Solche Themen kommen manchmal einfach auch so auf mich
00:17:43: zu.
00:17:44: Das heißt, es kann passieren, dass ich eine Idee habe, und dann schreibst du daraus sozusagen ein Buch?
00:17:49: Das ist ja toll!
00:17:50: Ja, wenn du sagst: Darüber hast du noch nicht geschrieben, das ist total wichtig,
00:17:54: schau dir das mal an, fahr mal in die Provence-Region XY – dann mache ich das auch.
00:17:59: Also
00:18:01: so machst du das: Du fährst immer zuerst einmal hin und lässt dich inspirieren,
00:18:05: interessierst dich für das Thema,
00:18:06: und daraus entsteht dann sozusagen die Geschichte.
00:18:09: Oft ist es so, aber manchmal ist es auch andersherum.
00:18:11: Manchmal interessiert mich das Thema, ich recherchiere dazu und fahre dann hin, um die Gegebenheiten zu beschreiben.
00:18:17: Ich finde es auch total wichtig, vor Ort zu sein, wenn ein Buch entsteht, um die Dinge so zu beschreiben, wie sie wirklich sind.
00:18:28: Das Buch, das jetzt im Oktober erscheint –
00:18:30: unglaublich interessant!
00:18:32: Ich schreibe darin ja auch über die Haute-Provence und die Thermen, die es dort gibt.
00:18:36: Und dann gibt es einen kleinen Schlenker an einen Ort, an dem ich noch nie war.
00:18:42: Im Prolog gibt es eine Szene, die bin ich abgelaufen.
00:18:45: Und ich habe sie gefilmt, damit ich genau weiß, wie es dieser Person ergeht und was sie sieht, riecht, hört und spürt.
00:18:53: Das war eben zu einer ähnlichen Jahreszeit, wie es dann im Buch
00:18:56: passiert.
00:18:56: So muss es sein, das finde ich total authentisch und spannend.
00:18:59: Und das macht mir auch viel Spaß!
00:19:01: Ja … Wie machst du das?
00:19:04: Fährst du dann mit dem Auto runter, damit du flexibel bist? Hast du eine feste Unterkunft, oder reist du herum?
00:19:11: Ich bin da jetzt alleine unterwegs.
00:19:15: Früher bin ich mit dem Auto gefahren – inzwischen ist das Autofahren wirklich anstrengend –
00:19:18: runter, und inzwischen fliege ich auch.
00:19:21: Ich mochte früher nicht fliegen, aber jetzt habe ich gesagt: Ich kann diese ganze Fahrerei nicht mehr, und dann miete ich mir ein Auto.
00:19:28: Es ist dann aber immer so, dass ich unterschiedliche Stationen habe.
00:19:31: Wenn es eine reine Recherchereise ist, bin ich jeden Tag an einem anderen Ort. Da wird alles akribisch aufgenommen und auch akribisch vorgeplant.
00:19:40: Es wird alles gefilmt und fotografiert, damit ich es dann so beschreiben kann.
00:19:43: Ich mache mir Sprachnotizen, damit ich bestimmte Stimmungen direkt aufgreifen und dann im Buch weiterführen kann.
00:19:51: Es gibt aber natürlich auch die Urlaubssituationen, dann bleibe ich mit meiner Familie eine Woche irgendwo.
00:19:59: Es wäre ja auch schade, wenn man die schöne Provence nicht auch genießen könnte.
00:20:03: Ja,
00:20:03: genau. Also du bist ja viel in der Provence und in Frankreich unterwegs.
00:20:11: Hast du bestimmte Regionen, in die du immer wieder gern fährst?
00:20:15: Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die Reihe im Luberon spielt.
00:20:19: Sainte-Valérie liegt ja im Luberon. Aber bei den letzten Besuchen habe ich festgestellt, dass ich dort alles schon kenne. Und wenn ich da bin, freue ich mich, bestimmte Orte immer wieder anzuschauen.
00:20:33: Die Familie liebt es auch, immer wieder bestimmte Strecken zu fahren oder Restaurants zu besuchen.
00:20:40: Das ist ein bisschen wie Heimat geworden. Aber ich merke, dass es mich jetzt immer mehr in andere Regionen zieht, weil ich die einfach noch mehr kennenlernen möchte.
00:20:48: Ich war zum Beispiel im Februar in Tanneron, beim Mimosenfest in Mandelieu-la-Napoule, und bin dann hochgefahren.
00:20:59: Dieses kleine Bergdorf mitten im Mimosenwald, wo man einen wahnsinnigen Blick über die Landschaft hat.
00:21:06: So etwas inspiriert mich.
00:21:07: Ich möchte immer wieder Neues entdecken.
00:21:08: Die Provence ist so groß, es gibt so wahnsinnig viele Regionen. Ich fahre jetzt wirklich schon dreißig Jahre dorthin und entdecke immer wieder Neues.
00:21:16: Das finde ich spannend.
00:21:18: Ich bin kein typischer Urlaubstyp, der sich eine Woche irgendwo hinlegt.
00:21:22: Wir haben einen Pool – ich muss sehen,
00:21:24: ich muss
00:21:24: entdecken.
00:21:26: Und immer wieder die Mimosen?
00:21:27: Das ist diese Zeit im Februar, wenn es so ganz gelb blüht.
00:21:31: Da war ich noch nicht, aber das möchte ich auch unbedingt mal sehen.
00:21:33: Es soll wunderschön sein, gerade in diesen Bergdörfern.
00:21:36: Oh,
00:21:36: herrlich!
00:21:37: Das war wirklich ein begeisternder Blick, und eigentlich nicht nur im Bergdorf selbst, sondern auf dem Weg dorthin.
00:21:42: Da gibt es eine Strecke, auf der sich der Blick öffnet und man über die gelben Mimosenbäume auf die Bucht von Cannes schaut. Das ist also sehr emotional.
00:21:54: Na toll – das muss ich mir auch mal anschauen!
00:22:00: Ich habe noch etwas sehr Interessantes gefunden.
00:22:02: Du hast gesagt, dass du manchmal selbst noch nicht weißt, wer der Mörder ist, und dich das beim Schreiben überrascht.
00:22:09: Wie funktioniert das, wenn man so genau schreibt?
00:22:13: Naja, das ist eigentlich das Poirot-Prinzip, sage ich jetzt mal, Hercule Poirot. Ich selbst finde es viel spannender, wenn ich gar nicht weiß, wer es ist.
00:22:21: Weil man dann mehr Bereiche öffnet, auch für die Leserinnen und Leser.
00:22:24: Wenn man sich zu früh festlegt, macht man unterbewusst vielleicht den Fehler,
00:22:29: dass man zu sehr auf den Mörder hinarbeitet. Das möchte ich vermeiden. Ich möchte den Blick so weit wie möglich halten.
00:22:39: Ab einem bestimmten Punkt können es sehr viele sein, und das finde ich wichtig, weil es ja auch zum Miträtseln einlädt. Und irgendwann muss ich mich natürlich entscheiden.
00:22:51: Und wenn ich mich dann entscheide, ist es auch wichtig, wieder zurückzugehen.
00:22:54: Ein Roman wird von mir nicht linear bis zum Schluss geschrieben, sondern bis zu einem bestimmten Punkt. Und wenn ich dann weiß, wer der Mörder ist, muss ich natürlich noch einmal zurückgehen, damit nachher alles stimmig ist und es auch Hinweise gibt. Denn es ist nichts blöder, als wenn am Ende jemand wie Kai aus der Kiste kommt und man sagt: Huch,
00:23:11: das ist der Mörder? Er muss auch vorbereitet sein, aber so subtil, dass man trotzdem überrascht ist.
00:23:16: Genau, ich glaube, davon gibt es auch einfach zu viele, gerade bei den französischen Krimis. Wenn man das genau macht, merkt der Leser das sofort.
00:23:26: Ist der Beruf der Schriftstellerin für dich
00:23:30: Freiheit, oder ist er manchmal auch Unsicherheit?
00:23:33: Für mich ist es Freiheit!
00:23:35: Totale Freiheit …
00:23:37: Aus tiefstem Herzen!
00:23:40: Ja, mir wird auch die Freiheit gegeben.
00:23:42: Ich habe jetzt zum ersten Mal mehrere Verträge hintereinander, die mich binden.
00:23:50: Da muss ich schon ein bisschen schlucken, weil ich ja ein, zwei Bücher im Jahr schreibe, mehr als eins auf jeden Fall. Und ich bin keine, die das einfach nur so herunterschreibt, sondern ich brauche schon meine Zeit, um sie zu entwickeln. Das ist schon auch ein großer Druck, aber es ist trotzdem die Freiheit zu entscheiden.
00:24:08: Ich habe so viele Ideen im Kopf, ich möchte so viele Projekte entwickeln.
00:24:12: Und wenn die dann angenommen werden, kann ich doch nicht Nein
00:24:14: sagen.
00:24:15: Ja, das merkt man,
00:24:16: dass du sehr kreativ bist und dass es dir aus allen Poren strömt. Wie macht man das?
00:24:21: Wie schützt man sich bei so einem Rhythmus?
00:24:23: Du veröffentlichst, glaube ich, jedes Jahr einen neuen Band, oder?
00:24:25: Genau!
00:24:26: Wie schützt du da die eigene Kreativität?
00:24:30: Hast du einen bestimmten Rhythmus und nimmst du dir zwischendurch Auszeiten?
00:24:35: Ich brauche Auszeiten, weil ich am besten schreiben kann, wenn ich in einem Tunnel bin.
00:24:41: Erst einmal ist es am Anfang relativ unspektakulär.
00:24:43: Man sitzt eine bestimmte Zeit am Schreibtisch, das beginnt bei mir um neun.
00:24:48: Und ich schreibe meistens auch wirklich bis sieben Uhr.
00:24:51: Weil ich immer eine bestimmte Seitenzahl schaffen möchte.
00:24:55: Das ist eigentlich eher der ganz normale Ablauf.
00:25:00: Aber auch nicht immer, und die Kreativität ist auch nicht so flüssig, wie man sich das vorstellt.
00:25:05: Manchmal muss ich auch ganze Szenen streichen, manchmal hänge ich fest.
00:25:08: Meistens, wenn ich nicht vorankomme, weiß ich, dass ich etwas falsch angelegt habe und noch einmal neu denken muss.
00:25:13: Es ist manchmal auch ein sehr anstrengender Prozess. Aber je näher der Abgabetermin kommt, desto mehr brauche ich diesen Elfenbeinturm.
00:25:21: Dann fahre ich irgendwohin, wo ich eben nicht Wäsche waschen oder mit dem Hund rausgehen muss.
00:25:26: Das sind die ganz üblichen Sachen, die man im Leben und im Alltag macht.
00:25:34: Ich fahre gern an die Ostsee nach Travemünde und bleibe da einfach eine Woche oder zehn Tage und lasse nichts an mich heran.
00:25:42: Ich lasse nur diese Geschichte an mich heran, gehe manchmal spazieren, also jeden Tag, um frische Luft und frische Gedanken zu bekommen.
00:25:48: Und ich sitze morgens schon beim Frühstück mit dem Laptop und abends bis in die Nacht mit dem Laptop und schreibe, und das ist die effektivste Zeit.
00:25:57: Da sprudelt die Kreativität.
00:26:00: So schnell kann man gar nicht schreiben, und das sind wirklich die ganz besonderen Momente, in denen ich ihr freien Lauf lassen kann.
00:26:06: Ah, das kenne ich auch.
00:26:07: Ich fahre manchmal für die Strategieplanung an die Ostsee.
00:26:09: Kochst du dann auch zwischendurch?
00:26:12: Das ist mir dann gleich, was ich mache.
00:26:13: Ich nehme mir etwas total Leckeres mit …
00:26:16: Ja, aber nichts, was aufwendig ist, weil ich da die Zeit nicht habe.
00:26:20: Dann kommen wir noch einmal zurück zur Provence.
00:26:25: Du hast ja einen fiktiven Ort, in dem Commissaire Pierre Durand lebt. Das fand ich ganz süß, ich habe auf der Website gesehen, dass du sogar einen Stadtplan von diesem Ort gezeichnet und veröffentlicht hast.
00:26:38: So viel zum Thema Kreativität!
00:26:41: Was hat dich an dieser Figur gereizt?
00:26:44: Er ist ja etwas anders als andere Kommissare, die man so kennt.
00:26:48: Beschreib ihn doch mal,
00:26:48: …
00:26:49: den Pierre.
00:26:51: Ist er so anders als andere Kommissare?
00:26:52: Er ist auf jeden Fall, sage ich mal, nach außen hart und nach innen weich. In den ersten Bänden ist er noch ein bisschen rigoroser.
00:27:00: Nachher wird er immer mehr er selbst.
00:27:02: Er ist ein Mensch, der sehr authentisch ist und ein großes Gerechtigkeitsempfinden hat.
00:27:10: Der Menschen nicht nach dem ersten Blick verurteilt, auch wenn er manchmal seine Meinung hat, sondern der jede Chance nutzt, hinter die Kulissen zu schauen, und nicht aufgibt.
00:27:21: Er ist sehr menschlich.
00:27:25: Sehr genussfreudig natürlich.
00:27:27: Ein bisschen bindungsscheu – das hat sich ja jetzt gelegt.
00:27:32: Du kannst ja verraten: Er hat geheiratet?
00:27:34: Ja,
00:27:35: obwohl sich das Thema ja weiterzieht, weil Charlotte gern ein Kind möchte und er nicht. Er ist da so ein bisschen zwischen Baum und Borke, er hat es ihr versprochen.
00:27:44: Das sind so die menschlichen Seiten.
00:27:45: Oder auch mit seinem Vater Alain, der jetzt nach Sainte-Valérie gezogen ist.
00:27:49: Das darf man vielleicht auch verraten, aber das ist nicht so einfach.
00:27:53: Die menschliche Seite ist also auch wichtig.
00:27:56: Er kann manchmal auch stur sein, wenn es darum geht, Fälle zu ermitteln.
00:28:02: Er darf ja auch nicht immer, denn er ist eigentlich nur Chef der Police municipale, und als Dorfpolizist darf man nicht ermitteln.
00:28:08: Er hat aber die Ausbildung genossen, das heißt, er war schon mal Kommissar.
00:28:12: Von daher weiß er, wie man vorzugehen hat, und deswegen bekommt er auch immer wieder Zugang. Aber das zieht sich durch die ganze Reihe.
00:28:20: Wie kommt er dazu zu ermitteln?
00:28:22: Er darf es ja nicht?
00:28:24: Einmal wird er deswegen sogar suspendiert. Das ist Pierre Durand: ein bisschen eigenwilliger, aber sehr menschlicher Charakter.
00:28:31: Es gibt ja einige ganz bekannte Frankreich-Ermittler, in der Bretagne, im Périgord.
00:28:37: Was unterscheidet deine Provence von diesen anderen literarischen Landschaften?
00:28:42: Die Provence ist ja ganz anders.
00:28:44: Man sagt immer, Frankreich ist dasselbe,
00:28:47: wenn etwas oben spielt, ist es dasselbe wie unten.
00:28:50: Das stimmt überhaupt nicht.
00:28:51: Frankreich ist so ein wahnsinnig vielseitiges Land, ähnlich wie Deutschland.
00:28:55: Da gibt es Norddeutschland und Bayern.
00:28:56: Das sind zwei verschiedene Kulturen, und so ist es dort auch. Und ich glaube auch nicht, dass man sich gegenseitig auf die Füße tritt, sondern dass jeder so seine Bereiche und seine Fans hat.
00:29:09: Weil die Landschaften so unterschiedlich sind.
00:29:12: Die Bretagne ist ja wesentlich rauer.
00:29:14: Im Périgord war ich noch nicht, aber das ist wahrscheinlich sehr grün und von Flüssen durchzogen, keine Ahnung.
00:29:22: Aber in der Provence ist meiner Meinung nach die größte Vielfalt, denn zwischen den Alpen, also eigentlich den Südalpen oder der Haute-Provence, und der Côte d’Azur liegen Welten.
00:29:34: Und in dieser Welt gibt es wieder neue Welten. Allein die Camargue hat ja auch einen provenzalischen Teil, und wenn man dort durchfährt oder nach Porquerolles, auf diese Inseln – das ist wieder etwas anderes als die Lavendelfelder auf dem Plateau de Valensole.
00:29:53: Es sind einfach so große Varianten, die findet man meiner Meinung nach sonst in Frankreich nicht.
00:30:01: Ich finde auch, ganz Frankreich ist wahnsinnig vielfältig, und dann eigentlich jede Region noch einmal für sich,
00:30:07: so.
00:30:08: Und wenn ich das jetzt richtig herausgehört habe, welche Art von Provence dich am meisten interessiert: schon auch mehr und mehr die unbekannteren Orte, wahrscheinlich, weil du die bekannten auch schon beschrieben hast.
00:30:22: Ja, es fällt mir immer schwerer, Unbekanntes zu finden, ehrlich gesagt, weil ich, wie gesagt, schon über dreißig Jahre dorthin fahre …
00:30:30: Dann nehmen wir mal einen von den bekannten Orten, die Region um Avignon.
00:30:38: Ich finde Avignon eine tolle, tolle Stadt.
00:30:40: Ich war, glaube ich, das erste Mal vor, ich weiß nicht, 35 Jahren oder so dort.
00:30:45: Was fasziniert dich an dieser Region besonders?
00:30:49: Also gut, Avignon selbst ist sehr präsent in der Mitte, und man muss schon ein paar Kilometer fahren, um zu den nächsten interessanten
00:30:57: Orten zu kommen, für mich interessanten Orten, zum Beispiel
00:31:00: Saint-Rémy oder in die Alpilles.
00:31:03: Avignon ist für mich tatsächlich eher eine kulturelle Hauptstadt.
00:31:07: Da geht es ja auch um Frédéric Mistral, es gibt sehr viele Zeugnisse von ihm.
00:31:12: Das war der Platz seines Wirkens. Aber ja, das ist nicht die Stadt, die mich total einnimmt, muss ich ehrlich sagen.
00:31:24: Den historischen Teil fand ich wunderbar.
00:31:26: Klar, Papstpalast und so weiter.
00:31:29: Weiter südlich fährt man nach Tarascon, auch sehr interessant von der Geschichte und von der Kultur her.
00:31:37: Aber die Landschaft, die mich in den letzten Jahren eigentlich mehr fasziniert hat, war zum Beispiel die Côte Varoise, die finde ich wunderschön!
00:31:48: Gerade durch die Inseln, Porquerolles etwa: ein Naturparadies, wenn man bei richtigem Wetter kommt, sage ich jetzt mal.
00:31:57: Wenn die Sonne scheint, dann reflektiert das Meer in unglaublich schönen Farben.
00:32:03: Das ist etwas, das mich sehr berührt hat. Und ich liebe auch die Haute-Provence.
00:32:08: Als ich zum Beispiel in Gréoux-les-Bains war, einem sehr alten Badeort – wann war ich da?
00:32:15: Ich glaube, das war … war das im Dezember?
00:32:19: Da hat es nur geregnet, und ich habe versucht, diese Schönheit zu erkennen.
00:32:24: Ich bin dort auch durch die Lavendelfelder gefahren.
00:32:27: Da gibt es ja wirklich ganz viele Lavendelfelder, die leider auch schon schneller
00:32:32: ihren Zyklus haben, also nicht mehr so lange zu sehen sind. Man sieht eher die abgeernteten Felder.
00:32:38: Aber da hat es so in Strömen geregnet, ich konnte nicht ein Foto machen!
00:32:42: Aber irgendwie war es total schön, wieder dort zu sein.
00:32:46: Gibt es auch einen Ort, den du ganz bewusst nicht nennen würdest?
00:32:50: Den musst du hier auch nicht nennen. Aber irgendetwas, bei dem du sagst: Das ist mir so kostbar, ich möchte gar nicht, dass das irgendjemand anders weiß.
00:32:59: Es gibt ja wirklich keinen Ort mehr in der Provence, der nicht schon bereist wurde.
00:33:04: Also wirklich vom Mont Ventoux bis ich weiß nicht wohin.
00:33:09: Das könnte ich jetzt nicht sagen, weil die wirklich schönen Orte – zum Beispiel Saint-
00:33:18: Paul-de-Vence, das war ja der Künstlerort schlechthin und einer der ersten Orte, die mein Mann und ich – wir waren damals noch nicht verheiratet – ins Herz geschlossen haben. Damals waren dort auch noch wirklich echte Künstler, die in ihren Galerien ausgestellt haben, und alles war sehr authentisch, ein ganz toller Ort aus Stein.
00:33:36: Aber durch die Prominenz, die von der Côte d’Azur nach oben gezogen ist, war das natürlich schon nicht mehr ganz der Ort, an dem die Ureinwohner leben,
00:33:47: also die richtigen Dorfbewohner.
00:33:50: Sobald ein Ort eine wunderschöne Ausstrahlung und eine schöne Lage hat – von Saint-Paul hinunterzuschauen, über die Palmen direkt Richtung Meer, ist ein sensationeller Anblick –
00:34:02: dann ist er schon besetzt.
00:34:03: Und das ist eigentlich auch eher das Problem jetzt.
00:34:06: Man merkt, dass es im Winter immer leerer wird. Ich war ja jetzt oft genug auch im Winter dort, in mehreren Jahren.
00:34:13: Inzwischen zu allen möglichen Jahreszeiten, also nicht nur in bestimmten Monaten. Und es wird in diesen tollen Dörfern sehr, sehr leer. Selbst in Orten wie Gordes, wo man glaubt, dass noch viele Franzosen wohnen – dann sind diese Franzosen aus Paris.
00:34:30: Sprich: Im Winter ist da keiner mehr.
00:34:32: Für mein Winterkochbuch, das ich geschrieben habe, hatte ich eine Fotoreise gemacht.
00:34:39: Wir hatten das einzige Hotel, das geöffnet hatte.
00:34:42: Und da waren wir die einzigen Gäste.
00:34:52: Sie hatten uns hinten in einem Steinhaus untergebracht, weil es auch nur eine einzige Angestellte gab.
00:34:58: Die hat das Hotel natürlich abends wieder verlassen, und es konnte nicht das ganze Hotel für uns geheizt werden.
00:35:02: Und dieses eine Steinhaus war so ausgekühlt, weil vorher und nachher auch niemand anders da war.
00:35:07: Wir haben so gefroren, aber es war unglaublich beeindruckend, von dort aus direkt auf den Ort zu schauen.
00:35:13: An dem Wochenende war ein Weihnachtsmarkt, da war der Ort belebt, und dann waren alle wieder weg. Da war diese Girlande um die Burg, diese Lichtergirlande, und ansonsten war nicht ein einziges Fenster beleuchtet.
00:35:29: Der Ort war dunkel. Es war berührend, das war sehr berührend.
00:35:33: Es war auch schön, weil es so eine ganz bestimmte Ruhe hatte.
00:35:36: Aber es hat einem noch einmal ganz deutlich vor Augen geführt, was dort passiert.
00:35:41: Da wohnen keine Leute mehr, und die Geschäfte, die dort sind, leben rein von der Saison.
00:35:47: Ich hatte mal einen Bäcker interviewt – der ist auch nicht mehr da, weil sie sich das nicht leisten können.
00:35:52: Der Ort ist wie ausgestorben, es gibt auch kein Restaurant, außer eben zu der Zeit, in der dieser Weihnachtsmarkt ist.
00:35:59: Aber sobald der vorbei ist, gibt es kein einziges Restaurant, das offen hat, außer einem Italiener.
00:36:12: Das
00:36:13: ist ja ein guter Punkt. Ich hatte nämlich auch überlegt,
00:36:16: man müsste eigentlich wieder mehr Winterreisen anbieten.
00:36:20: Das wäre der Region vielleicht gar nicht so unwillkommen, weil gerade das Klima um Nizza im Winter ja wunderbar ist, da kann man toll hinfahren.
00:36:33: Aber es ist eiskalt oben im Luberon.
00:36:36: Je weiter man in die Berge kommt – das geht nachts richtig in die Minusgrade.
00:36:40: Aber es ist wunderschön, macht das unbedingt!
00:36:42: Das hat eine ganz eigene Ausstrahlung, diese Provence.
00:36:45: Sie ist so ehrlich und sehr privat.
00:36:48: Die Leute, die dort sind, schlüpfen quasi aus ihren Häusern und leben, und im Sommer werden sie dann wieder vom Tourismus verdrängt.
00:36:57: Die sind im Winter auch unglaublich nett.
00:36:59: Genau,
00:36:59: ich kann mir vorstellen, dass man mit ihnen vielleicht noch einmal ganz anders in Kontakt kommen kann, weil es eben nicht so voll ist.
00:37:06: Ich empfehle keinem meiner Kunden, unbedingt in der Hochsaison zu fahren, sondern immer ein bisschen in der Vor- und Nachsaison, bis Juni und ab September.
00:37:16: Aber ich finde auch gerade diese Wintermonate eigentlich ganz besonders.
00:37:20: Da können wir noch mal drüber reden.
00:37:26: Du hast ja schon gesagt, dein neuer Band erscheint im Oktober.
00:37:31: Worauf dürfen wir uns freuen?
00:37:33: Der hat auch ein winterliches Motiv!
00:37:35: Genau, das spielt auch in der Winterzeit.
00:37:37: Anfang Dezember.
00:37:39: Es geht jetzt nicht um Weihnachten – das wollte ich vermeiden, es sollte ein reines Winterthema sein, auch wenn natürlich manchmal ein bisschen diese Stimmung aufkommt.
00:37:47: Es geht, wie gesagt, nach Gréoux-les-Bains, und man lernt ein bisschen andere Seiten der Provence kennen.
00:37:54: Das ist ja ein Gebiet, in dem es Thermen gibt, also Thermalquellen, die auch sehr, sehr heilsam sind, und dort mit einer Kollegin …
00:38:04: Ja, man darf sich auf ganz neue Informationen über die Provence freuen.
00:38:08: Es geht auch ein bisschen um das Gesundheitssystem Frankreichs, das ist ja auch immer ein neues Thema in meinen Büchern.
00:38:14: Das lernt man auch ein wenig kennen, und es war für mich eine sehr spannende Recherche.
00:38:20: Und wie weit bist du mit dem Buch schon?
00:38:24: Es ist jetzt gerade im Feinlektorat.
00:38:25: Ich habe gerade in der Mail gesehen, dass meine Lektorin es mir noch zur Überprüfung geschickt hat, und dann geht es raus.
00:38:32: Okay.
00:38:33: Dann wünsche ich dir viel Glück dabei!
00:38:35: Dankeschön!
00:38:35: Wir haben ja mit deinem bunten Lebensweg begonnen. Wenn du heute
00:38:40: zurückschauen
00:38:41: würdest:
00:38:41: Was würdest du deinem jüngeren Ich sagen?
00:38:44: Mach es genauso noch mal … Aber was ich noch sagen würde: Glaub wirklich an das, was du kannst, und lass dir nichts anderes einreden.
00:38:59: Ich bin zu kritikfähig, das ist das Problem.
00:39:02: Aber das würde ich vielleicht noch sagen.
00:39:05: Ja, ich stehe jetzt genau da, wo ich stehen möchte, und bin total dankbar für den Weg, den ich gegangen bin.
00:39:13: Auch wenn er nicht immer einfach war, ist er genau richtig.
00:39:17: Ah, das merkt man!
00:39:18: Das gönne ich dir von Herzen.
00:39:21: Ja, sehr schön.
00:39:22: Vielen Dank für das Gespräch!
00:39:23: Heike, du wohnst ja hier um die Ecke.
00:39:25: Ich freue mich, wenn wir mal gemeinsam einen Kaffee trinken,
00:39:28: und
00:39:28: dann können wir auch über Winterreisen in die Provence sprechen.
00:39:32: Du hast bestimmt tolle Tipps.
00:39:34: Lass uns was planen.
00:39:35: Vielen Dank für die Einladung, es hat wirklich Spaß gemacht.
00:39:38: Sehr gerne.
00:39:39: Ich danke dir. Tschüss, à bientôt!
00:39:42: Wenn Sie jetzt beim Zuhören das Gefühl hatten, selbst einmal in diese besondere Atmosphäre der Provence einzutauchen – in diese Mischung aus Genuss, Ruhe und echten Begegnungen –, dann nehmen wir Sie gern mit auf genau solche Reisen.
00:39:55: Und wenn Ihnen dieses Gespräch gefallen hat, abonnieren Sie „À table! Der Frankreich-Podcast“, damit Sie keine unserer nächsten Entdeckungen verpassen.
00:40:03: Und vielleicht kennen Sie jemanden, der Frankreich genauso liebt wie Sie?
00:40:06: Dann teilen Sie diese Folge gerne.
00:40:09: Ich für meinen Teil werde jetzt noch ein bisschen in Sophies Kochbuch stöbern und freue mich ehrlich gesagt schon sehr auf unseren Kaffee.
00:40:16: Wir wohnen nur wenige Minuten voneinander entfernt – eigentlich erstaunlich, dass wir uns nicht schon viel früher begegnet sind.
00:40:23: Ich danke Ihnen fürs Zuhören und freue mich, wenn wir uns in der nächsten Episode wieder hören.
00:40:28: À bientôt, Ihre Antje Seele.
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