Ikigai auf Französisch – Was japanische Lebenskunst mit Frankreich zu tun hat
Shownotes
Auf Reisen gehe ich gern in Bahnhofsbuchläden, am liebsten zu einem Thema, das ich noch gar nicht kenne. So bin ich zu „Ikigai – Die japanische Lebenskunst“ von Ken Mogi gekommen. Beim Lesen wurde mir klar: Diese fünf Prinzipien sind in ihrer gelebten Form genau das, was ich seit fast zwanzig Jahren in Frankreich erlebe. Savoir-vivre, nur anders formuliert.
Sie hören unter anderem:
– klein anfangen: warum der erste Morgen einer Reise dem Ankommen gehört
– loslassen lernen: warum Freiheit auf Reisen einen verlässlichen Rahmen braucht
– Harmonie und Nachhaltigkeit: was von einer stimmigen Reise bleibt
– die Freude an kleinen Dingen: Begegnungen, die man nicht buchen kann
– im Hier und Jetzt sein: warum der Esstisch in Frankreich der beste Ort dafür ist
Für wen ist diese Folge besonders interessant?
Für Menschen, die
– viel leisten und im Urlaub wirklich abschalten möchten
– langsam und bewusst reisen möchten
– französische Lebensart und Esskultur schätzen
– sich für Lebenskunst und gute Gewohnheiten interessieren
Orte und Momente aus der Folge
– der erste Morgen im Chambre d’hôtes, im Landhaus oder auf dem Weingut
– ein Abend auf einer Terrasse in der Provence mit Blick über die Weinberge
– der Markt am Samstagmorgen
– ein Antiquitätenmarkt unter Platanen
– das Restaurant oder Bistro, in dem man zwei, drei Stunden am Tisch sitzt
Kulinarische Eindrücke aus der Folge
– frischer Kaffee am ersten Morgen
– ein Glas Rosé im Abendlicht
– eine Feige vom Markt
– Brot vom Boulanger
– Apéro und ein Abendessen Gang für Gang
Reisetipp aus der Folge
Lassen Sie den ersten Morgen einer Reise frei, und reservieren Sie für den ersten Abend einen Tisch. Dieser erste Abend setzt den Ton für die ganze Reise.
Weiterführende Inspiration
Wenn Sie Frankreich so erleben möchten, finden Sie auf unserer Website sorgfältig kuratierte Reiseideen. Sie bilden die Grundlage für ein individuelles Reiseangebot:
https://tourexquisit.de/individuelle-frankreichreisen-tour-exquisit/
Das Transkript zum Nachlesen: https://tourexquisit.de/ikigai-frankreich-podcast/
Transkript anzeigen
00:00:00: Bienvenue bei „À table!“, dem Frankreich-Podcast von Tour Exquisit mit Antje Seele.
00:00:12: Hier hören, schmecken und erleben Sie Frankreich auf vielfältige Weise – mit Menschen, die dem Land verbunden sind.
00:00:20: Immer wenn ich auf Reisen bin, besonders wenn ich Zug fahre, gehe ich in den Bahnhöfen in einen Buchladen und schaue, was es Neues gibt.
00:00:28: Am liebsten ein Thema, das ich noch gar nicht kenne.
00:00:31: So bin ich zu diesem Buch gekommen, das gerade auf meinem Nachttisch liegt.
00:00:35: Es heißt „Ikigai“.
00:00:37: Der Autor ist Ken Mogi, und der Untertitel lautet „Die japanische Lebenskunst“.
00:00:43: Und wenn Sie jetzt denken: Was hat Japan mit Frankreich zu tun?
00:00:47: Genau darum geht es in diesem Podcast.
00:00:51: Ikigai beschreibt eine Lebensphilosophie, die sich in fünf Prinzipien zusammenfassen lässt:
00:00:57: klein anfangen, loslassen lernen, Harmonie und Nachhaltigkeit leben, die Freude an kleinen Dingen entdecken, im Hier und Jetzt sein.
00:01:09: Und als ich das gelesen habe, musste ich kurz innehalten.
00:01:13: Mir wurde klar: Das ist kein japanisches Konzept.
00:01:17: Das ist in seiner gelebten Form genau das, was ich seit fast zwanzig Jahren in Frankreich erlebe.
00:01:23: Das ist Savoir-vivre, nur anders
00:01:26: formuliert.
00:01:28: In der letzten Folge habe ich darüber gesprochen, warum Erholung kein Luxus ist.
00:01:33: Warum wir als Menschen, die viel leisten, Weite
00:01:36: brauchen.
00:01:36: Perspektivwechsel, Momente ohne Agenda.
00:01:41: Heute möchte ich noch einen Schritt weitergehen und Ihnen zeigen, dass Frankreich nicht nur ein Reiseziel ist, sondern eine Einladung, anders zu leben – zumindest für ein paar Tage und vielleicht auch darüber hinaus.
00:01:56: Klein anfangen. Der erste Morgen. Klein anfangen –
00:02:00: das ist das erste Prinzip. Und ich muss dabei sofort an den ersten Morgen einer Reise denken.
00:02:07: Sie sind angekommen, vielleicht nach einer längeren Fahrt.
00:02:11: Sie haben zu Abend gegessen und sind wahrscheinlich müde ins Bett gefallen.
00:02:15: Ihre Unterkunft?
00:02:16: Ein Chambre d’hôtes?
00:02:18: Ein Landhaus?
00:02:19: Vielleicht ein Weingut?
00:02:21: Jetzt wachen Sie auf.
00:02:22: Die Sonne scheint in Ihr Zimmer, es ist still.
00:02:26: Vielleicht riecht es nach Lavendel oder nach Holz oder nach frischem Kaffee, weil die Gastgeberin Sie schon erwartet.
00:02:34: Und dann passiert etwas
00:02:35: Merkwürdiges:
00:02:36: Sie tun nichts.
00:02:39: Sie liegen einfach noch einen Moment da, nehmen Ihre Umgebung wahr, schauen aus dem Fenster, atmen ein und merken, wie sich etwas löst.
00:02:50: Das ist kein großer Moment, kein Highlight, das man fotografiert. Aber es ist der Moment, in dem Sie klein anfangen – wirklich ankommen.
00:03:01: Klein anfangen heißt in Frankreich: ein Blick auf den Garten. Mehr braucht es nicht.
00:03:09: Und genau das ist für viele meiner Kunden die größte Herausforderung und die größte Befreiung, weil sie es gewohnt sind, dass alles sofort groß sein muss – effizient, produktiv.
00:03:23: Und hier sagt ihnen alles: Fang klein an. Es reicht.
00:03:28: Ähnlich ist es, wenn wir eine neue Gewohnheit erlernen möchten. Wir beginnen nicht damit, gleich eine halbe Stunde Sport zu machen – oder wenn wir es tun, dann hören wir wahrscheinlich schnell wieder auf.
00:03:40: Vielleicht reichen erst mal fünf Minuten.
00:03:42: Regelmäßigkeit ist wichtiger als Intensität, und ein erster Schritt in die richtige Richtung ist das, was es braucht.
00:03:51: Loslassen – das zweite Prinzip, und wahrscheinlich das schwierigste, gerade für Menschen wie Sie und mich.
00:03:59: Ich erzähle Ihnen etwas: Meine Reisen sind durchgeplant. Jeder Tag hat eine Struktur, Empfehlungen, Reservierungen.
00:04:07: Aber – und das ist der wichtige Punkt – sie sind so geplant, dass Sie loslassen können.
00:04:12: Dass Sie nicht müssen, sondern dürfen.
00:04:16: Das klingt wie ein Widerspruch, ist aber keiner.
00:04:19: Loslassen funktioniert nur, wenn man sich sicher fühlt.
00:04:23: Wenn man weiß: Jemand hat sich das gut überlegt.
00:04:26: Die Unterkunft ist schön, das Restaurant ist reserviert, der Weg ist klar. Und innerhalb dieses Rahmens, da ist Freiheit.
00:04:36: Dann können Sie spontan an einem Weingut anhalten, das Sie von der Straße aus sehen.
00:04:41: Dann können Sie eine Stunde länger am Frühstückstisch sitzen, weil das Gespräch mit dem Gastgeber so schön ist, oder Sie können den Umweg nehmen, weil die Landschaft Sie einlädt.
00:04:51: In Frankreich gibt es dieses wunderbare Wort: flâner.
00:04:55: Flanieren – ohne Ziel gehen, sich treiben lassen.
00:05:00: Das ist kein Zeitverlust.
00:05:02: Das ist eine Kulturtechnik, und eine, die wir oft verlernt haben.
00:05:07: Meine Kunden sagen mir oft nach der Reise: „Wir haben gar nicht alles geschafft, was im Plan stand. Aber es war perfekt.“
00:05:14: Und genau das ist der Punkt.
00:05:16: Loslassen heißt nicht, keinen Plan zu haben. Es heißt, dem Plan nicht ausgeliefert zu sein.
00:05:23: Das dritte Prinzip: Harmonie und Nachhaltigkeit.
00:05:27: Das klingt groß, aber ich meine damit etwas ganz, ganz Einfaches: dass eine Reise nicht endet, wenn Sie nach Hause kommen.
00:05:36: Wenn Sie berichten: „Wir haben Freunde damit inspiriert“ oder „Das erschließt sich erst, wenn man dort ist“.
00:05:43: Das sind keine Sätze über einen Urlaub, das sind Sätze über eine Erfahrung, die weiterlebt.
00:05:50: Und ich glaube, genau dann passiert das, was eine Reise nicht nur schön, sondern stimmig macht: wenn alles zusammengepasst hat – die Unterkunft, die Landschaft, das Tempo, die Begegnungen.
00:06:02: Dann nimmt man etwas mit, das größer ist als Fotos und Souvenirs.
00:06:06: Man nimmt eine Haltung mit. Eine Erinnerung daran, wie es sich anfühlt, wenn man sich Zeit nimmt, wenn man genau hinschaut, wenn man genießt, ohne sich zu rechtfertigen. Und vielleicht, ganz vielleicht, ändert das auch ein kleines bisschen, wie man den Alltag danach lebt.
00:06:26: Nicht alles, aber ein bisschen.
00:06:28: Ein längeres Frühstück am Sonntag, ein bewusstes Abendessen, die Entscheidung, nicht immer erreichbar zu sein.
00:06:37: Das ist Nachhaltigkeit im eigentlichen Sinne. Nicht im ökologischen – obwohl Frankreich mit dem Auto erreichbar ist und das auch seinen Wert hat –, sondern im menschlichen Sinne.
00:06:48: Etwas, das nachwirkt.
00:06:49: Das bleibt.
00:06:51: Etwas, das Spuren hinterlässt, wie ein echtes Fotoalbum mit eingeklebten
00:06:56: Bildern.
00:06:57: Nicht die Mediathek auf dem Handy, sondern eine kleine Auswahl von Eindrücken, die ganze Welten im Kopf wieder entstehen lässt.
00:07:06: Die Freude an kleinen Dingen – das ist das vierte und vielleicht das französischste aller Prinzipien.
00:07:13: Ich denke dabei an einen Abend in der Provence.
00:07:16: Ich saß auf einer Terrasse, es war noch warm, die Zikaden waren zu hören, und vor mir stand ein Glas Rosé, mit Blick über die Weinberge.
00:07:27: Nichts Besonderes, kein toller Wein.
00:07:29: Aber das Licht war so, wie es nur in der Provence sein kann – dieses goldene, weiche Licht kurz vor Sonnenuntergang.
00:07:37: Und ich dachte: Das ist es.
00:07:39: Das ist der Moment fürs Poesiealbum.
00:07:43: Nicht das Programm, nicht die Sehenswürdigkeiten – diese Momente.
00:07:48: Frankreich ist voll von solchen Momenten.
00:07:50: Der Marktbesuch am Samstagmorgen, bei dem der Händler Ihnen eine Feige zum Probieren gibt, die in Ihrem Mund schmilzt.
00:07:58: Der Boulanger, der Ihnen erklärt, warum sein Brot anders schmeckt und welche geheimen Zutaten er verwendet.
00:08:05: Der Winzer, der Sie in seinen Keller führt und Ihnen nicht seinen teuersten Wein zeigt, sondern den, auf den er besonders stolz ist.
00:08:13: Das sind keine buchbaren Erlebnisse.
00:08:16: Das sind Begegnungen. Und sie passieren, wenn man langsam genug unterwegs ist, um sie zu bemerken.
00:08:22: Ein Besuch auf einem Antiquitätenmarkt unter Platanen, und plötzlich finden Sie sich mitten in einem Gespräch über die Familiengeschichte des Verkäufers, weil er die Herkunft eines besonderen Stückes erzählt.
00:08:36: Das ist mir schon passiert und endete mit einer Einladung zum Abendessen in eben diesem geschichtsträchtigen Haus.
00:08:44: Wunderbar. Ikigai nennt das „die Freude an kleinen Dingen entdecken“. Frankreich nennt das Leben.
00:08:53: Im Hier und Jetzt sein.
00:08:54: Das letzte Prinzip, und das, was in Frankreich am greifbarsten wird: am Esstisch.
00:09:01: Kennen Sie das?
00:09:01: Sie sitzen in einem Restaurant, Sie haben bestellt, und dann passiert erst mal nichts.
00:09:08: Kein Kellner, der drängt, kein Teller, der sofort kommt. Stattdessen ein Apéro, ein Stück Brot, Zeit.
00:09:17: Am Anfang macht das unruhig, gerade uns.
00:09:21: Wir sind es gewohnt, dass alles schnell geht, dass Effizienz ein Wert ist, dass man die Zeit nutzt.
00:09:27: Aber hier, in diesem Restaurant, in diesem Moment, gibt es nichts zu nutzen.
00:09:32: Es gibt nur Dasein. Vielleicht sogar mit Blick aufs Meer, auf einer schönen Terrasse, in einem tollen Familienrestaurant, in einem Bistro. Schauen. Genießen. Und dann kommt der erste Gang.
00:09:48: Und es ist nicht einfach nur Essen. Er ist ein Anfang – der Anfang eines Abends, der sich entfaltet, wenn man ihn lässt.
00:09:57: Gang für Gang, Gespräch für Gespräch.
00:10:00: Und irgendwann merken Sie: Sie haben zwei, drei Stunden am Tisch gesessen, und es war keine einzige Minute zu viel.
00:10:08: Das ist Savoir-vivre in seiner reinsten Form. Nicht Genuss als Konsum, sondern Genuss als Präsenz, als Entscheidung, jetzt hier zu sein. Nicht beim nächsten Termin.
00:10:20: Nicht bei der E-Mail, die noch wartet. Hier.
00:10:23: Und das ist übrigens auch der Grund, warum ich bei meinen Reisen am ersten Abend immer einen Tisch reserviere: weil dieser erste Abend den Ton setzt.
00:10:32: Er sagt: Ab jetzt gelten andere Regeln. Langsamer. Besser. Kein Blick auf das Handy, kein
00:10:41: „Ich muss aber noch …“. Einfach da sein, den Moment genießen, den Wein, das wunderbare Essen, und dem Gegenüber, dem Menschen oder den Menschen, mit denen wir hier am Tisch sitzen, die volle Aufmerksamkeit schenken.
00:10:55: Wirklich ins Gespräch kommen, zuhören und vielleicht etwas ganz Neues erfahren.
00:11:01: Ikigai und Savoir-vivre. Japan und Frankreich. Zwei Kulturen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, und die doch dasselbe sagen:
00:11:11: Das gute Leben liegt nicht im Mehr, sondern im Bewussteren.
00:11:16: Und Frankreich ist der Ort, an dem Sie das nicht nur lesen, sondern spüren können – am Frühstückstisch, auf dem Markt, am Abendtisch und auf einer Landstraße durch die Weinberge.
00:11:27: Wenn Sie Lust haben, das zu erleben, nicht als Konzept, sondern als wirkliche Reise, dann schreiben Sie mir.
00:11:34: Ich erzähle Ihnen gern, welche Region zu Ihnen passen könnte, ganz unverbindlich, ganz persönlich. Und wenn Sie jemanden kennen, dem diese Folge gefallen könnte, teilen Sie sie gerne.
00:11:45: Das ist das Schönste an guten Dingen:
00:11:48: Sie werden mehr, wenn man sie teilt.
00:11:50: Bis zur nächsten Folge: Nehmen Sie sich Zeit für die kleinen Dinge.
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