Bonjour le Tour: Zentralmassiv, Auvergne und der Puy de Dôme

Shownotes

Ich lag im Zelt irgendwo in der Auvergne, als mich ein Geräusch weckte: Über der Vulkanlandschaft schwebten fünf oder sechs Heißluftballons, fast lautlos. Heute fährt die Tour de France von Aurillac nach Le Lioran, mitten hinein in diese Landschaft – eine Region, in der die Seele wieder Platz bekommt.

Sie hören unter anderem:

– warum an die Auvergne die wenigsten denken und das vielleicht ihr großes Glück ist
– warum Aurillac niemanden beeindrucken will
– wie mein Vater und ich in einem kleinen Fiat Punto fast 1.400 Kilometer nach Marseille gefahren sind
– was der 14. Juli für die Tour de France bedeutet
– wie Jacques Anquetil und Raymond Poulidor am Puy de Dôme Tourgeschichte schrieben
– warum mich die schwarze Kathedrale von Clermont-Ferrand umgehauen hat

Für wen ist diese Folge besonders interessant?

Für Menschen, die

– die Tour de France verfolgen und die Region dahinter entdecken möchten
– Weite, Ruhe und Natur suchen
– gern wandern und unterwegs stehen bleiben
– herzhafte Küche und französischen Käse lieben

Orte und Stationen aus der Folge

– Aurillac
– Le Lioran und das Cantal
– der Puy de Dôme und die Chaîne des Puys
– Clermont-Ferrand und seine Kathedrale aus Lavastein

Kulinarische Eindrücke aus der Folge

– Truffade mit knusprigen Kartoffeln und geschmolzenem Käse
– Saint-Nectaire
– Bleu d’Auvergne

Reisetipp aus der Folge

Fahren Sie mit der Zahnradbahn auf den Puy de Dôme und schauen Sie über die Vulkanlandschaft. Und nehmen Sie sich Zeit für Umwege – die schönsten Erinnerungen entstehen oft auf dem Weg.

Diese Folge habe ich, wie jede Episode von „À table!“, vollständig allein geschrieben, gesprochen, aufgenommen und geschnitten. Ich freue mich über Ihr Feedback und über eine Bewertung des Podcasts.

Das Transkript zum Nachlesen: https://tourexquisit.de/auvergne-puy-de-dome-podcast/

Transkript anzeigen

00:00:00: „À table!“, der Frankreich-Podcast von Tour Exquisit mit Antje Seele.

00:00:09: Bonjour le Tour!

00:00:11: Eine Reise von Katalonien bis Paris auf den Spuren der Tour de France 2026.

00:00:17: Diese Serie ist meinem Vater gewidmet.

00:00:20: Heute nehme ich Sie mit ins Zentralmassiv.

00:00:26: Ich lag im Zelt, irgendwo in der Auvergne.

00:00:29: Es war früher Morgen, eigentlich viel zu früh zum Aufstehen.

00:00:36: Ihre kleine Tochter war dabei und zwei Hunde.

00:00:40: Deshalb standen mehrere Zelte auf unserer kleinen Wiese.

00:00:44: Plötzlich hörte ich ein Geräusch, das ich erst gar nicht einordnen konnte.

00:00:48: Meine Schwester war schon wach: „Antje, Antje, du musst rausgucken!“

00:00:52: Ehrlich gesagt wollte ich einfach weiterschlafen.

00:00:55: Aber ich kroch aus dem Zelt, angelockt von diesem Zischen, und blieb sofort stehen.

00:01:03: Über der Vulkanlandschaft schwebten fünf oder sechs Heißluftballons, langsam, ganz bunt, fast lautlos.

00:01:11: Nur dieses leise Zischen der Brenner war zu hören, und darunter die sanften Hügel der Auvergne.

00:01:18: Ich weiß noch, dass ich einfach nur dachte: Wow.

00:01:23: Heute fährt die Tour de France von Aurillac nach Le Lioran, mitten hinein in diese Landschaft, in das Zentralmassiv, in eine Region, die für mich vor allem eines ist: ein Ort, an dem die Seele wieder Platz bekommt.

00:01:37: Wenn Sie an Frankreich denken, denken Sie vielleicht zuerst an Paris oder an die Provence, die Bretagne, an Bordeaux.

00:01:46: An die Auvergne denken die wenigsten, und genau das ist vielleicht ihr großes Glück.

00:01:52: Hier gibt es keine spektakulären Steilküsten, keine mondänen Badeorte, keine berühmten Boulevards – dafür etwas, das heute fast kostbarer geworden ist.

00:02:02: Es gibt Weite.

00:02:04: Ich liebe Horizonte.

00:02:06: Wenn ich dort über diese sanften Vulkanketten schaue, habe ich jedes Mal das Gefühl, dass auch in mir etwas weiter wird.

00:02:13: Und viele Dinge, die vorher wichtig schienen, rücken ganz von selbst in den Hintergrund.

00:02:19: Die Auvergne ist Europas größte zusammenhängende Vulkanlandschaft.

00:02:23: Vor Millionen von Jahren entstanden hier gewaltige Vulkane – heute wirken ihre Gipfel fast friedlich.

00:02:29: Sanfte Kuppen, grüne Hochflächen, nicht dramatisch, und genau das macht die Landschaft so besonders.

00:02:37: Manchmal muss ich dabei an das Auenland denken, an diese sanften Hügel.

00:02:42: Eine Landschaft, die ruhig wirkt und trotzdem voller Geschichten steckt – vielleicht ist es genau dieses Gefühl, das mich dort so tief durchatmen ließ.

00:02:52: Aurillac. Die heutige Etappe startet in Aurillac: Natursteinhäuser, kleine Plätze, ein Wochenmarkt, Menschen, die ihren Alltag leben, nicht für Besucher, sondern einfach für sich.

00:03:04: Ich mag solche Orte.

00:03:05: Sie wollen niemanden beeindrucken, sie sind einfach sie

00:03:08: selbst.

00:03:11: Die Auvergne erinnert mich jedes Mal daran, dass Reisen für mich nie bedeutet hat, möglichst schnell irgendwo anzukommen.

00:03:18: Im Gegenteil, die schönsten Erinnerungen sind oft auf dem Weg entstanden.

00:03:22: Das habe ich von meinem Vater gelernt. Als ich meinen Eltern in Hamburg erzählte, dass ich einen kleinen Fiat Punto nach Marseille überführen wollte,

00:03:30: damit das Auto später weiter nach Katalonien kam, hörte mein Vater einfach nur zu und sagte: „Ich will mit.“

00:03:39: Das war typisch für ihn – nicht lange überlegen, nicht planen, einfach losfahren.

00:03:43: Er war damals schon um die siebzig.

00:03:45: In seiner Garage standen deutlich komfortablere Autos, aber das spielte überhaupt keine Rolle.

00:03:51: Also machten wir uns gemeinsam auf den Weg, fast 1.400 Kilometer in einem kleinen Fiat Punto, bei dem nicht mal die Scheibenwaschanlage richtig funktionierte.

00:04:02: Es wurden ein paar der schönsten Tage, die wir zusammen erlebt haben.

00:04:05: Wir hielten an, wo es uns gefiel, entdeckten Orte, die wir vorher nicht kannten, aßen gut, lachten unglaublich viel und genossen einfach den Moment.

00:04:15: Mein Vater wollte nie möglichst schnell ankommen.

00:04:18: Er wollte wissen, was hinter der nächsten Kurve liegt. Und ich glaube, genau das habe ich von ihm gelernt.

00:04:24: Vielleicht ist das sogar der Grund, warum ich Reisen heute so plane, wie ich sie plane: nicht möglichst viele Sehenswürdigkeiten, sondern Zeit zum Schauen, zum Staunen und für Begegnungen.

00:04:37: Bei der Tour de France ist es natürlich genau andersherum – dort zählt jede Sekunde.

00:04:41: Vielleicht fasziniert mich die Tour auch gerade deshalb.

00:04:44: Sie zeigt, wie unterschiedlich Reisen sein können.

00:04:47: Die Fahrer kämpfen um jede Minute.

00:04:50: Ich genieße lieber das, was links und rechts des Weges liegt.

00:04:54: Heute ist der 14. Juli, der französische Nationalfeiertag.

00:04:59: Für viele Französinnen und Franzosen gehört die Tour de France an diesem Tag genauso dazu wie das Feuerwerk am Abend.

00:05:06: Die Straßen sind voller Menschen, die Stimmung ist besonders – und ein Etappensieg am Nationalfeiertag hat in Frankreich einen ganz eigenen Stellenwert.

00:05:17: Wenn es einen Berg gibt, der für die Auvergne steht, dann ist es der Puy de Dôme.

00:05:22: Von Clermont-Ferrand aus sieht man ihn fast überall.

00:05:25: Er gehört zu einer Kette von mehr als achtzig erloschenen Vulkanen, der Chaîne des Puys, die heute UNESCO-Weltnaturerbe ist.

00:05:34: Seit einigen Jahren bringt eine Zahnradbahn Besucher auf den Gipfel. Von dort öffnet sich der Blick über diese außergewöhnliche Vulkanlandschaft.

00:05:42: Mitten in Frankreich liegt eine Landschaft, die man eher in Island vermuten würde.

00:05:47: Der Puy de Dôme ist aber nicht nur landschaftlich etwas Besonderes, auch die Tour de France hat hier Geschichte geschrieben.

00:05:54: 1964 lieferten sich Jacques Anquetil und Raymond Poulidor an seinen Hängen eines der berühmtesten Duelle der Tourgeschichte.

00:06:02: Schulter an Schulter kämpften sie sich den Berg hinauf, ein Moment, der bis heute untrennbar mit dem Puy de Dôme verbunden ist.

00:06:11: Le Lioran und das Cantal.

00:06:14: Das Etappenziel liegt heute in Le Lioran.

00:06:16: Im Winter kommen viele Menschen zum Skifahren hierher.

00:06:19: Im Sommer zeigt sich die Landschaft von ihrer vielleicht schönsten Seite, mit grünen Weiden, Bergrücken und den Kühen auf den Hochflächen.

00:06:27: Hier merkt man: Es geht nicht um spektakuläre Höhen, sondern um diese besondere Mischung aus Weite, Ruhe und Natur.

00:06:35: Genau das macht den Reiz des Zentralmassivs aus.

00:06:40: Anders ist Clermont-Ferrand, vor allem wegen seiner Kathedrale.

00:06:45: Sie ist dunkel, fast schwarz und völlig anders als alle anderen Kathedralen, die ich bisher in Frankreich gesehen habe.

00:06:52: Hier wird sichtbar, dass der Vulkan nicht nur die Landschaft geprägt hat – er steckt im Stein und in den Mauern der ganzen Stadt.

00:07:00: Diese dunkle Lava hat eine ganz besondere Oberfläche.

00:07:04: Ich hatte so etwas noch nie gesehen, und es hat mich total umgehauen.

00:07:08: Schon lange bevor die Tour de France durch das Zentralmassiv fuhr, waren hier Menschen unterwegs: Pilger, Händler und Reisende.

00:07:17: Viele Wege führten in Richtung Santiago de Compostela.

00:07:21: Vielleicht passt das gut zu dieser Landschaft, denn auch heute lädt sie dazu ein, nicht nur hindurchzufahren, sondern unterwegs immer wieder stehen zu bleiben.

00:07:31: Nach einem langen Tag draußen freue ich mich in der Auvergne besonders auf die Küche.

00:07:36: Keine große Inszenierung, sondern Gerichte, die wärmen und satt machen, ähnlich wie in den Pyrenäen.

00:07:42: Ich erinnere mich noch gut an meine erste Truffade.

00:07:45: Knusprige Kartoffeln, geschmolzener Käse – herzhaft.

00:07:49: Genau das Richtige nach einem Tag, an dem wir Burgruinen erkundet, durch kleine Orte gebummelt haben und stundenlang draußen unterwegs waren.

00:07:57: Ich mag den Saint-Nectaire besonders gern.

00:07:59: Ein kräftiger, würziger Käse, fast ein bisschen wie geschmolzener Raclettekäse, nur mit ganz eigenem Charakter.

00:08:07: Und wenn Sie Blauschimmelkäse mögen, probieren Sie unbedingt auch den Bleu d’Auvergne.

00:08:12: Den esse ich ebenfalls sehr gern. Für mich ist die Auvergne einfach ein Käseland – eigentlich wie ganz Frankreich.

00:08:19: Und ich finde, gutes Essen gehört hier genauso selbstverständlich zur Landschaft wie die Vulkane und die weiten Wiesen.

00:08:27: Was ich an der Auvergne liebe, ist ihre Ehrlichkeit.

00:08:31: Ihre Vulkankuppen, die Weite, die kleinen Dörfer und die Ruhe, die einem plötzlich wieder Zeit zum Atmen schenkt.

00:08:39: Wenn ich an die Region denke, denke ich natürlich an den Morgen vor unserem Zelt.

00:08:44: An diese Heißluftballons und dieses leise „Wow“, das mir bis heute im Kopf geblieben ist.

00:08:49: Aber genauso denke ich an meinen Vater.

00:08:53: Ich sehe ihn vor mir, wie er in Hamburg einfach sagt: „Ich will mit.“

00:08:57: So war er: neugierig, offen und immer bereit für das nächste Abenteuer.

00:09:02: Vielleicht hat er mir genau das mitgegeben:

00:09:06: dass es im Leben nicht darum geht, möglichst schnell anzukommen, sondern neugierig zu bleiben.

00:09:11: Es ging ihm nie um Status – es ging immer um das Leben.

00:09:15: Ich glaube, genau deshalb liebe ich Frankreich bis heute so.

00:09:19: In der nächsten Folge nehme ich Sie mit nach Burgund, dorthin, wo ich einige Jahre gelebt habe und wo die Idee zu Tour Exquisit ihren Anfang nahm.

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