Elsass und Vogesen: Wo zwei Kulturen etwas Eigenes geschaffen haben

Shownotes

ELSASS UND TOURSTART Heute führt die Tour de France von Mülhausen hinauf zum Le Markstein in den Vogesen – eine Region, die französisch ist und doch ihre ganz eigene Identität gefunden hat. Für mich war Mülhausen auf den langen Autofahrten nach Spanien immer der Wendepunkt: Ab hier begann Frankreich wirklich. Die Stadt selbst überrascht mit einer spannenden Industriegeschichte – einst das „französische Manchester" –, an die heute die Cité de l'Automobile erinnert.

KULINARISCHE ENTDECKUNGEN Im Elsass wird Gastfreundschaft in Gängen gemessen: Flammkuchen, Käse, Wurst, Rieslingsenf, Brezeln, Radieschen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine kleine Weinstube in Straßburg, ein altes Fachwerkhaus voller Erinnerungsstücke, in dem ich einen der besten Flammkuchen meines Lebens gegessen habe. Mittendrin: das Straßburger Münster, dessen fein gearbeitete Fassade wie Spitze aus Stein wirkt.

GESCHICHTE UND IDENTITÄT Ein Museum zur wechselvollen Geschichte des Elsass hat mich besonders bewegt. Ich ging hinein und dachte, ich lerne etwas über Geschichte – als ich herauskam, dachte ich über Identität nach. Menschen, die im Laufe ihres Lebens mehrfach die Staatsangehörigkeit wechselten, ohne umzuziehen, weil sich die Grenze bewegt hat. Seitdem sehe ich das Elsass nicht mehr als Region zwischen zwei Ländern, sondern als Ort, der aus beiden Kulturen etwas Eigenes geschaffen hat. In Colmar, im Viertel Klein-Venedig, fühlt sich das an wie ein Spaziergang durch ein Gemälde.

WEINORTE UND VOGESEN Die elsässische Weinstraße mit Riquewihr, Ribeauvillé und Kaysersberg ist ideal für einen Tag ohne festen Plan: ein Glas Riesling, das Leben beobachten, entschleunigen. Höher hinauf in den Vogesen erinnere ich mich an Jan Ullrich im Gelben Trikot am Col du Hunsrück und den berühmten Satz „Quäl dich, du Sau!". Die Weinberge bleiben zurück, Hochweiden und die sanften Gipfel, die hier Ballons heißen, übernehmen – bis hinauf zum Grand Ballon, dem höchsten der Vogesen.

ELSASS AUF DEM TELLER Zum Schluss noch einmal die Küche: Flammkuchen aus dem Holzofen, der stundenlang schmorende Baeckeoffe und der kräftige Munster-Käse – eine Region mit Charakter, die sich nie verbogen hat. Am liebsten würde ich das Elsass auch im Winter erleben, mit den kleinen Weihnachtsmärkten auf Burgen und Schlössern abseits der großen Bühnen in Straßburg und Colmar.

AUSBLICK AUF DIE ALPEN In der nächsten Folge geht es weiter in die Alpen, zu legendären Pässen und Erinnerungen an Familienurlaube, die ich bis heute nicht vergessen habe. Diese Folge – wie jede Episode von À table – habe ich vollständig allein geschrieben, gesprochen, aufgenommen und geschnitten. Ich freue mich über Ihr Feedback und gerne auch über eine Bewertung des Podcasts. Wenn Sie regelmäßig Inspiration aus Frankreich möchten – mein Newsletter erscheint alle zwei bis vier Wochen, immer donnerstags:

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Transkript anzeigen

00:00:06: Antje: À table! Der Frankreich-Podcast von Tour Exquisit mit Antje Seele.

00:00:11: Antje: Bonjour le Tour, unsere Reise entlang der Tour de France 2026. Heute führt uns die Tour von Mülhausen hinauf zum Le Markstein in den Vogesen. Eine Region, die französisch ist – und doch auch wieder nicht ganz. Eine Region, die ihre ganz eigene Identität gefunden hat. Willkommen im Elsass.

00:00:34: Antje: Mülhausen war für mich immer die Hälfte. Als Kind, später mit meiner eigenen Familie und einem vollgepackten Auto auf dem Weg nach L’Escala, wusste ich ganz genau: Wenn wir Mülhausen erreicht hatten, war die Hälfte geschafft. Ab hier begann Frankreich für mich wirklich. Damals waren diese langen Autofahrten ganz selbstverständlich. 1.800 Kilometer, drei Kinder und ein Hund. Ein Auto bis unters Dach vollgepackt. Heute würde man wahrscheinlich öfter fliegen. Ich bin froh, dass wir es nicht getan haben.

00:01:07: Antje: Mülhausen selbst hat mich erst viel später überrascht. Wer eine typische elsässische Kleinstadt erwartet, entdeckt eine Stadt mit einer spannenden Industriegeschichte. Früher nannte man sie sogar das französische Manchester. Heute erinnert unter anderem die Cité de l’Automobile daran – mit einer der bedeutendsten Fahrzeugsammlungen Europas. Aber ehrlich gesagt: Für mich bleibt Mülhausen vor allem dieses Gefühl – jetzt beginnt Frankreich. Zum ersten Mal wirklich kennengelernt habe ich das Elsass auf einer Tour durch die Region Grand Est. Wer schon einmal mit einer Tourismusorganisation unterwegs war, kennt das vielleicht. Jeder möchte einem voller Stolz das Beste seiner Region zeigen. Und das bedeutet im Elsass vor allem eins: Es wird gegessen. Mittags, abends, dazwischen Verkostungen. Und immer wieder Menschen, die mit leuchtenden Augen erzählen, warum genau ihr Flammkuchen, ihr Käse oder ihr Wein der beste ist.

00:02:07: Antje: Am dritten Tag dachte ich irgendwann nur noch: Bitte heute nichts mehr zu essen. Und natürlich ging genau dann die nächste Verkostung los. Im Nachhinein muss ich darüber lachen, denn genau daran merkt man, welchen Stellenwert gutes Essen hier hat.

00:02:22: Antje: Es gehört nicht einfach dazu – es ist ein Stück Lebensart.

00:02:27: Antje: Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine kleine Weinstube in Straßburg. Ein altes Fachwerkhaus, Holzbalken. Überall hingen alte Töpfe, Pfannen und Erinnerungsstücke – fast wie eine liebevoll eingerichtete Puppenstube. Dort habe ich einen der besten Flammkuchen gegessen, an die ich mich erinnern kann. Ganz klassisch. Und einen zweiten mit hauchdünnen Apfelscheiben. Beide waren hervorragend. Aber damit war der Genussspaziergang natürlich noch lange nicht zu Ende. Danach ging es weiter zu Käse, Wurst, Rieslingsenf, Bier, Brezeln, Radieschen. Und irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Im Elsass wird Gastfreundschaft offenbar in Gängen gemessen. Und zwischen all diesen kulinarischen Stationen stand plötzlich das Straßburger Münster. Ich weiß noch genau, wie ich nach oben geschaut habe. Diese unglaublich fein gearbeitete Fassade, fast wie Spitze aus Stein. Je länger man hinsieht, desto mehr entdeckt man. Für mich gehört das Straßburger Münster zu den Kirchen, die einen wirklich sprachlos machen.

00:03:33: Antje: Das Elsass fasziniert mich aber nicht nur wegen seiner Küche, sondern wegen seiner Geschichte. Zum ersten Mal wurde mir das auf dieser Reise richtig bewusst. Straßennamen auf Französisch, Fachwerkhäuser, die genauso gut auch in Deutschland stehen könnten. Menschen, die mühelos zwischen zwei Sprachen wechseln. Man spürt überall, dass diese Region über Jahrhunderte von beiden Ländern geprägt wurde. Und genau das macht ihren besonderen Charakter aus. Besonders bewegt hat mich ein Museum, das sich mit der wechselvollen Geschichte des Elsass beschäftigt. Ich ging hinein und dachte, ich lerne etwas über Geschichte. Als ich herauskam, dachte ich über Identität nach. Dort wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, was diese Grenzregion erlebt hat. Stellen Sie sich vor: Sie werden als Deutscher geboren. Einige Jahre später sind Sie plötzlich Franzose, dann wieder Deutscher, dann wieder Franzose. Nicht, weil Sie umgezogen sind, sondern weil die Grenze sich bewegt hat – nicht Sie. Das betrifft nicht nur Pässe. Es betrifft Sprache, Schule, Familie, Erinnerungen. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht.

00:04:43: Antje: Nach dem Museumsbesuch setzten wir uns erst mal draußen in ein Café. Das tat gut – nicht nur wegen des Essens, sondern weil das Leben um uns herum diese Schwere langsam wieder leichter gemacht hat. Seitdem sehe ich das Elsass mit anderen Augen. Nicht als Region zwischen Deutschland und Frankreich, sondern als Region, die aus beiden Kulturen etwas Eigenes geschaffen hat. Und das bewundere ich – und gleichzeitig denke ich über die Menschen nach, die dort aufgewachsen sind.

00:05:13: Antje: In Colmar läuft man durch die Gassen, bleibt immer wieder stehen, schaut nach oben, entdeckt kleinste Details. Die Fachwerkhäuser, Kanäle, Blumen – fast wirkt alles wie ein Gemälde. Nicht umsonst wird ein Teil der Altstadt Klein-Venedig genannt – und diesmal finde ich diesen Namen überhaupt nicht übertrieben. Erstaunt hat mich außerdem, dass der Bildhauer der Freiheitsstatue, Frédéric Auguste Bartholdi, aus Colmar stammt. Solche Entdeckungen liebe ich sehr.

00:05:42: Antje: Wenn Sie mich fragen, wo man sich im Elsass einfach mal einen Tag treiben lassen sollte, dann würde ich die elsässische Weinstraße empfehlen. Nicht mit dem Ziel, möglichst viel abzuhaken. Mit Geduld. Riquewihr, Ribeauvillé, Kaysersberg. Schon die Namen klingen fast wie aus einem Märchen. Und genau so fühlen sich viele dieser Orte auch an. Setzen Sie sich auf einen kleinen Platz, bestellen Sie ein Glas Riesling oder Gewürztraminer, beobachten Sie das Leben – und irgendwann merken Sie, dass Sie gar nichts mehr vermissen. Vielleicht ist das genau die größte Qualität dieser Region: Sie entschleunigt ganz von allein.

00:06:23: Antje: Natürlich gehören auch die Vogesen zur Geschichte der Tour de France. Viele erinnern sich noch an das Jahr 1997. Jan Ullrich im Gelben Trikot, der Col du Hunsrück – und dieser eine Satz seines Teamkollegen Udo Bölts: „Quäl dich, du Sau!“ Nicht besonders elegant, aber bis heute unvergessen. Fast 30 Jahre später führt die Tour 2026 wieder über diesen Pass. Ich finde, genau solche Momente machen die Tour de France aus. Sie verbindet Landschaften mit Erinnerungen. Und genau deshalb erzählen wir diese Reise ja gemeinsam.

00:06:59: Antje: Während die Fahrer heute immer höher in die Vogesen klettern, verändert sich auch die Landschaft. Die Weinberge bleiben langsam zurück. Hochweiden, geschwungene Passstraßen und diese sanften, runden Gipfel, die hier ganz passend Ballons heißen. Die Vogesen sind keine spektakulären Berge wie die Alpen. Sie wirken ruhiger, unaufgeregter, fast ein bisschen unterschätzt. Vom Grand Ballon, dem höchsten Gipfel der Vogesen, soll der Blick an klaren Tagen bis zu den Alpen und sogar bis zum Mont Blanc reichen. Allein für diese Aussicht lohnt sich die Fahrt. Und Le Markstein, das heutige Etappenziel der Tour, liegt mitten in dieser Landschaft. Im Winter kommen Skifahrer, im Sommer Wanderer – und eigentlich das ganze Jahr Menschen, die einfach mal weit schauen möchten.

00:07:48: Antje: Es gibt noch etwas, das ich im Elsass unbedingt erleben möchte. Nicht im Sommer, sondern im Winter. Es gibt sie, die großen Weihnachtsmärkte in Straßburg oder Colmar. Die sollen wunderschön sein. Mich reizen inzwischen fast noch mehr die kleinen Märkte auf Burgen und Schlössern. Vielleicht, weil ich dort genau das suche, was ich immer suche: Atmosphäre, Geschichten und Orte, an denen man das Gefühl hat, für einen Moment Teil des Ganzen zu sein. Ich bin sicher, dass ich mir diesen Traum irgendwann erfüllen werde.

00:08:20: Antje: Über die Küche des Elsass könnte man natürlich eine eigene Podcastfolge machen. Wir reißen sie hier nur an. Natürlich gehört der Flammkuchen dazu – im Holzofen gebacken, knusprig. Ganz schlicht und genau deshalb so gut. Dann der Baeckeoffe. Ein Gericht, das stundenlang Zeit braucht. Fast so, als würde das Elsass sagen: Für gutes Essen sollte man niemals hetzen. Und natürlich der Munster-Käse. Nicht jedermanns Sache, sehr kräftig – aber wenn man ihn mag, dann richtig. Vielleicht passt das zum Elsass: eine Region mit Charakter, die sich nie verbogen hat. Mülhausen war für mich immer die Hälfte – der Moment, an dem ich wusste: Jetzt beginnt Frankreich. Heute denke ich bei dieser Region aber an etwas ganz anderes. An Menschen, die über Generationen hinweg gelernt haben, mit Gegensätzen zu leben. Mit zwei Sprachen, zwei Kulturen, zwei Geschichten – und daraus etwas Eigenes gemacht haben. Ich finde, das ist bewundernswert. Vielleicht hat mich das Elsass gerade deshalb so berührt, weil es zeigt, dass man nicht immer entweder das eine oder das andere sein muss. Manchmal entsteht das Interessanteste genau dazwischen. Und vielleicht gilt das nicht nur für Regionen, sondern auch für Menschen.

00:09:33: Antje: In der nächsten Folge fahren wir weiter in die Alpen. Dort warten legendäre Pässe, große Tour-de-France-Geschichte und Erinnerungen an Familienurlaube, die ich bis heute nicht vergessen habe.

00:09:45: Antje: Wenn Sie jetzt Lust bekommen haben, das Elsass einmal selbst zu entdecken – vielleicht nicht nur Straßburg und Colmar, sondern auch die kleinen Weinorte, die Vogesen oder irgendwann im Winter die kleinen Schlossmärkte –, dann freue ich mich, wenn Sie meinen Newsletter abonnieren. Dort erzähle ich regelmäßig von genau solchen Orten und gebe Einblicke in neue Reiseideen. Vielleicht auch bald in meine geplante Winterreise durchs Elsass. À bientôt – Ihre Antje Seele.

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