Nîmes, Pont du Gard und die Cévennen: Südfrankreich mit Liliane Skalecki
Shownotes
Zu Gast ist Liliane Skalecki, promovierte Kunsthistorikerin und Archäologin. Als Liliane Fontaine schreibt sie die Krimis um die Untersuchungsrichterin Mathilde Boncourt aus Nîmes, und etwa fünf Monate im Jahr lebt sie in einem Dorf nordöstlich von Nîmes, mit Blick über Weinfelder bis in die Cévennen.
Sie hören unter anderem:
– warum Liliane nachts um drei Ideen auf Zettel schreibt
– wie ihr Großvater, ein Gendarm, einen Mörder stellte
– wie Mathilde Boncourt entstanden ist – und die Geschichte mit dem verkehrt herum getragenen Pullover
– wie sie vor Ort recherchiert, etwa bei einer Grabung in Uzès
– wo Nîmes, der Gard und die Cévennen liegen
– warum Nîmes für sie eine der faszinierendsten Städte Frankreichs ist
– wie das Dorfleben zwischen Fête votive und Apéro aussieht
Für wen ist diese Folge besonders interessant?
Für Menschen, die
– Frankreich-Krimis lieben
– sich für römische Geschichte und Archäologie interessieren
– Südfrankreich abseits der Provence-Klischees kennenlernen möchten
– gern wandern, zum Beispiel in den Cévennen
Orte und Stationen aus der Folge
– Nîmes mit Maison Carrée, Arena, Jardin de la Fontaine, Tour Magne und Musée de la Romanité
– der Pont du Gard und der Wanderweg entlang der römischen Wasserleitung
– Uzès
– Beaucaire und Tarascon an der Rhône
– die Cévennen, Saint-Jean-du-Gard und Alès auf dem Stevenson-Weg
– Metz und Saarlouis aus Lilianes Kindheit
Kulinarische Eindrücke aus der Folge
– Wein vom Winzer um die Ecke
– Pastis und Apéro bei der Fête votive
– Boudin
– Brandade de morue
Reisetipp aus der Folge
Fahren Sie nicht direkt zum Pont du Gard, sondern wandern Sie die letzten Kilometer – dann taucht die römische Wasserleitung plötzlich vor Ihnen auf. Das Museum am Pont du Gard lohnt sich ebenfalls.
Weiterführende Inspiration
Den Pont du Gard und Uzès finden Sie auch in unserer Provence-Reise. Sie bildet die Grundlage für ein individuelles Reiseangebot:
https://tourexquisit.de/reiseangebote-provence-frankreich/
Diese Folge habe ich, wie jede Episode von „À table!“, vollständig allein geschrieben, gesprochen, aufgenommen und geschnitten. Ich freue mich über Ihr Feedback und über eine Bewertung des Podcasts.
Das Transkript zum Nachlesen: https://tourexquisit.de/nimes-pont-du-gard-cevennen-podcast/
Transkript anzeigen
00:00:06: Bienvenue bei „À table!“, dem Frankreich-Podcast von Tour Exquisit mit Antje Seele.
00:00:12: Hier hören, schmecken und erleben Sie Frankreich auf vielfältige Weise,
00:00:16: mit Menschen, die dem Land verbunden sind.
00:00:19: Liliane Skalecki, aufgewachsen in Saarlouis an der deutsch-französischen Grenze,
00:00:23: ist promovierte Kunsthistorikerin und Archäologin.
00:00:26: Unter dem Pseudonym Liliane Fontaine schreibt sie im Piper Verlag die Reihe um
00:00:31: die Untersuchungsrichterin Mathilde Boncourt aus Nîmes.
00:00:35: Als Lili Andersen erscheint ihre Nordseereihe, unter Liliane Skalecki ihre Thriller.
00:00:40: Drei Frauen, drei Welten, drei Namen.
00:00:43: Sie lebt in Bremen, wo ihr Mann Georg Skalecki das Denkmalschutzamt leitet, und
00:00:48: verbringt viele Wochen im Jahr in einem Dorf nahe Nîmes am Fuße der Cévennen.
00:00:53: Das Erste bei der Ankunft: zum Winzer fahren, bevor sie einkaufen gehen.
00:00:57: Sie hat drei Kinder, wandert gern und kennt die Region Okzitanien wie kaum
00:01:01: eine andere deutschsprachige Autorin.
00:01:04: Guten Morgen, Liliane. Schön, dass du da bist. Hallo, guten Morgen, Antje.
00:01:09: Ich habe gehört, du wachst nachts um drei auf und schreibst Ideen auf Zettel
00:01:15: neben dem Bett, und trotzdem sagst du, du verzettelst dich nicht. Wie geht das?
00:01:21: Ja, das Verzetteln hat wahrscheinlich mit dem Zettel gar nichts zu tun.
00:01:24: Das müsste man jetzt mal sprachlich-etymologisch untersuchen.
00:01:29: Nein, ich verzettle mich nicht, eben weil ich diese Zettel benutze.
00:01:33: Und dann meine Gedanken, die mir so durch den Kopf gehen:
00:01:38: Wer ist der nächste Mörder? Wer ist die nächste Mörderin? Wo kann ich einen Giftmord einschieben?
00:01:43: Und wie funktioniert es mit, ich sage jetzt mal, Digitalis oder einem
00:01:48: sonstigen Giftstoff? Dann schreibe ich mir meine Fragen, meine Ideen,
00:01:52: meine Gedanken auf den Zettel, und dann schlafe ich gleich wieder ein. Dann bin ich beruhigt.
00:01:58: Ach, da bin ich beruhigt, das ist schön.
00:02:01: Du bist ja in Saarlouis aufgewachsen, direkt an der deutsch-französischen Grenze.
00:02:07: Hat sich Frankreich für dich als Kind schon anders angefühlt als Deutschland?
00:02:13: Anders angefühlt als Deutschland? Nein, eigentlich nicht.
00:02:17: Es ist nur so, dass man als Saarländer – oder viele Familien – eine sehr enge
00:02:22: Bindung zu Frankreich hat, weil es auch sehr viele familiäre Verbindungen gibt.
00:02:29: Und es war für uns immer selbstverständlich, die Urlaube in Frankreich zu verbringen,
00:02:34: ob es jetzt die Bretagne war oder Südfrankreich.
00:02:36: Sobald mein Vater – er war Lehrer – Schulferien hatte,
00:02:41: wurde der Wohnwagen angehängt, und dann ging es los. Später wurden Wohnungen gemietet.
00:02:46: Und das hat sich natürlich auch
00:02:50: auf die Küche meiner Mutter ausgewirkt. Es hat sich auch insofern auf meine Schulferien
00:02:55: ausgewirkt, als ich viele Urlaube in Metz bei meiner Familie verbracht habe.
00:03:00: Metz liegt in Lothringen, und insofern bin ich als Kind –
00:03:07: ich will nicht sagen, zwischen den Welten hin und her gependelt,
00:03:09: das wäre wirklich übertrieben –, aber ich habe sehr viel Frankreich mitbekommen.
00:03:15: Du hast es angedeutet, du hast auch Familie in Frankreich, und ich meine gelesen
00:03:18: zu haben, sogar jemanden, der mit Mord zu tun hatte.
00:03:24: Ja, also was heißt, mit Mord zu tun hatte? Mein Großvater war Gendarm, und
00:03:32: er hat tatsächlich einen Mörder gestellt, und dieser Mensch ist dann hingerichtet worden.
00:03:36: Das ist ja schon ewige Zeiten her, da gab es noch die Todesstrafe, und das
00:03:40: hat meinen Großvater sehr bedrückt.
00:03:42: Dass er diesen Mörder geschnappt hat, das war für ihn als Polizist genau das Richtige.
00:03:52: Aber diese Hinrichtung, die hat ihm, glaube ich, sein Leben lang auf dem Magen gelegen.
00:03:58: War das der Vater deines Vaters? Das war der Vater meines Vaters, ja.
00:04:05: Und dein Vater war ja auch sehr krimibegeistert, oder? Ja, mit den Krimis bin ich groß geworden.
00:04:12: Der hatte eine ganze Regallandschaft, würde ich sagen, mit diesen alten –
00:04:16: damals waren sie natürlich nicht alt – Goldmann-Krimis,
00:04:19: die waren so rot-schwarz,
00:04:22: eine Reihe Edgar Wallace, eine
00:04:23: Reihe Agatha Christie, also die sogenannten Klassiker, würde ich sagen,
00:04:27: dann viele amerikanische Krimis.
00:04:30: Und ich habe mit Agatha Christie angefangen. Das hat mir eigentlich
00:04:33: am besten gefallen. Wer war es? Am Schluss kommt die große
00:04:38: Auflösung, unter zehn Personen, die Miss Marple oder Hercule Poirot befragen.
00:04:43: Das war so meine Lektüre, würde ich sagen, seit ich 13 bin.
00:04:48: Hat dein Vater deine Krimis noch lesen können? Hat er noch mitbekommen,
00:04:52: dass du Krimis schreibst?
00:04:53: Er hat es noch mitbekommen, ja. Er hat die ersten auch noch gelesen.
00:04:56: Das waren allerdings nicht die Frankreich-Krimis, das waren noch die Bremen-Krimis.
00:05:01: Und dann ist er sehr krank geworden und verstorben.
00:05:05: Und ich glaube, er würde sich sehr freuen, wenn er das noch mitbekommen hätte. Ja, schön.
00:05:12: Noch mal zu deiner Familie. Du hast in einem anderen Interview gesagt,
00:05:17: du hast eine Banklehre gemacht und dann Kunstgeschichte und Archäologie studiert.
00:05:22: Und das hast du gemeinsam mit deinem Mann, den du da schon kanntest,
00:05:25: beschlossen, dass ihr das Gleiche studiert.
00:05:28: Das klingt ja, finde ich, ganz toll. Das ist ja wie ein Erfolgsrezept,
00:05:32: denn ihr seid immer noch zusammen, ihr habt drei Kinder.
00:05:35: Ja, das war in der Tat ein Erfolgsrezept. Und die Liebe zur Kunst,
00:05:39: vor allen Dingen zur Architektur, die hat uns dann
00:05:44: über all die Jahre des Studiums hindurch sehr viel Spaß gemacht.
00:05:49: Und wir sind dann tatsächlich auch in diesem Bereich hängen geblieben.
00:05:53: Mein Mann dann als Landesdenkmalpfleger von Bremen.
00:05:57: Ich bin all die Jahre freiberuflich tätig gewesen, bis ich mit der
00:06:02: Krimischreiberei angefangen habe.
00:06:03: Für Kunstgeschichte habe ich jetzt insofern keine große Zeit mehr.
00:06:07: Allerdings fließt das Thema immer wieder in meine Bücher ein.
00:06:11: Ja, das habe ich gemerkt. Ich habe gerade gelesen bzw. gehört:
00:06:17: „Die Richterin und die … Archäologin“ – „Die tote Archäologin“. Genau, „Die tote Archäologin“.
00:06:22: Und da habe ich noch einiges wiedererkannt.
00:06:26: Was sagen denn deine Kinder dazu, dass Mama mordet? Die sind total begeistert.
00:06:32: Also nicht davon, dass Mama mordet, sondern dass Mama Bücher schreibt.
00:06:35: Und sie wissen auch, aus welchem inneren Antrieb das Ganze überhaupt geschieht.
00:06:43: Es ist ganz einfach: Es ist schlimm auf der Welt, es passiert viel auf
00:06:47: der Welt. Bei mir passiert auch das, was auf der Welt passiert.
00:06:51: Aber bei mir gibt es immer ein gutes Ende, und das befriedigt mich bei dieser
00:06:55: Schreiberei natürlich. Ja, die Mathilde Boncourt.
00:07:03: Deine Protagonistin der Frankreich-Krimis – in der Folge, die ich gerade gehört
00:07:10: habe, finde ich sie herrlich, weil sie so ein bisschen unperfekt ist.
00:07:12: Da gibt es eine Szene, in der sie ins Büro geht und den Rock falsch herum trägt
00:07:17: und das einfach mal so, zack, wieder korrigiert. Sie raucht und trinkt, und
00:07:22: zumindest – wir spoilern jetzt nicht – in dem Band hat sie auch
00:07:26: noch keinen festen Partner.
00:07:28: Das ist so eine, finde ich, ein bisschen typisch unperfekte französische Frau.
00:07:32: Wie bist du darauf gekommen? Wie ist Mathilde entstanden?
00:07:36: Mathilde ist entstanden, nachdem ich mich entschlossen hatte,
00:07:43: überhaupt Südfrankreich-Krimis zu schreiben.
00:07:45: Wir lebten damals schon in der Nähe von Nîmes, und es war mir irgendwie ein
00:07:49: Bedürfnis, aus dieser ganzen Geschichte eine Serie zu machen.
00:07:54: Also nicht aus der Geschichte, sondern aus dem, was in mir vorgegangen ist.
00:07:59: Und dann muss das eine Protagonistin sein, die sich durch mehrere Bände ziehen kann.
00:08:03: Und dass es überhaupt eine Frau ist, lag daran, dass es zu diesem Zeitpunkt – außer
00:08:07: „Madame le Commissaire“, diese Reihe schreibt ein Kollege –
00:08:10: ja nur Männer waren.
00:08:12: Ich wollte eine Frau haben, die aber über sehr viele Möglichkeiten verfügt.
00:08:16: Deswegen ist sie Untersuchungsrichterin und verfügt, im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft
00:08:21: in Bremen, über viel mehr Befugnisse, als eine deutsche Staatsanwältin hätte.
00:08:29: Und ich wollte eine Person haben, die auf der einen Seite diesen extremen
00:08:36: Gerechtigkeitssinn hat – das ist Mathilde –, die aber auf der anderen Seite nicht wie
00:08:40: die männlichen Protagonisten in den
00:08:44: Büchern meiner Kollegen aus Paris kommt und dann erst mal mit dem Schicksal
00:08:49: hadert: Oh nee, die Bretagne gefällt mir nicht, ist nicht Paris,
00:08:52: nee, Südfrankreich gefällt mir nicht, ist nicht Paris.
00:08:55: Mathilde ist dort geboren, hat in Paris studiert, kam wieder zurück und sagte:
00:08:59: Hier will ich doch nicht weg, hier ist es doch wunderbar.
00:09:02: Und sie hat diese große Familie auf diesem Weingut und ist dermaßen verwurzelt.
00:09:09: Und ich bin ebenfalls ein verwurzelter Mensch. Aus dem Saarland bin ich
00:09:12: zwar raus, aber ich habe diese Wurzeln nie abgelegt.
00:09:15: Dann habe ich kleine neue Wurzeln in Bremen entwickelt. Dort leben auch meine
00:09:19: Kinder und die Enkel und natürlich mein Mann.
00:09:23: Und diese Verwurzelung irgendwo und das zu lieben, was man drumherum hat,
00:09:30: das ist mir einfach ganz wichtig gewesen.
00:09:32: Und so ist Mathilde entstanden. So ein kleines bisschen wie ich, von der Mentalität her.
00:09:37: Aber weil das viele Leute fragen: Bist du das?
00:09:41: Nein, sie ist mindestens zehn Zentimeter größer.
00:09:44: Sie hat rotblondes Haar. Aber auch dieses oft Nicht-Perfekte –
00:09:49: wie oft ich manchmal einen Pullover verkehrt herum anhabe und es erst draußen merke.
00:09:54: Das ist tatsächlich passiert.
00:09:56: Ich war in einem Geschäft, stand mit meinem Einkaufswagen da, und dann tippte
00:10:02: mir eine Frau von hinten auf die Schulter und sagte: Haben Sie eigentlich
00:10:06: schon gesehen, dass Sie Ihren Pullover verkehrt herum tragen?
00:10:10: So, das ist Mathilde, das bin ich.
00:10:13: Ja, herrlich. Aber es stört uns nicht. Das macht ja wahnsinnig sympathisch,
00:10:18: finde ich. Gerade dieses Unperfekte.
00:10:23: Und dieses mit dem Gerechtigkeitssinn –
00:10:25: ich hatte gelesen, dass du den hast, und Mathilde auch. Da dachte ich
00:10:30: schon, das könnte eine ähnliche Figur sein.
00:10:33: Und du sagst ja, die Figuren übernehmen irgendwann, sie entwickeln so ein Eigenleben.
00:10:39: Kannst du da noch eine Grenze ziehen? Wann bist das du, wann ist das Mathilde?
00:10:43: Und wie fühlt sich das an?
00:10:45: Sagen wir mal, die Grenze ist fließend. In einem der Bücher, ich glaube, es war das
00:10:51: vorletzte, klingelt ein Obdachloser an der Schlosspforte,
00:10:56: wo Mathilde lebt, und hat einen Welpen dabei.
00:10:59: Seine Hündin hat Welpen bekommen. Und er sagt: Wollt ihr den nicht nehmen?
00:11:03: Und Mathilde hat sofort Ja gesagt.
00:11:04: Wenn bei mir jemand klingelt und sagt: Ich habe hier einen Welpen,
00:11:07: wollt ihr den nehmen? – Tür auf, und der Welpe ist da.
00:11:10: Das würde ich jetzt nicht zu laut sagen, sonst klingeln nachher ganz viele.
00:11:15: Ja, im Moment haben wir ja noch einen großen Hund. Ich meine jetzt nur:
00:11:20: In dieser Situation würde ich nicht Nein sagen.
00:11:22: Sagen wir mal so, wenn es hart auf hart geht. Ich schränke das jetzt wieder ein bisschen ein.
00:11:28: Insofern kommt immer wieder ein neues Stück Mathilde dazu, das von mir stammt,
00:11:33: aber Mathilde ist als Person festgelegt.
00:11:38: Es gibt kleine Nuancen: Sie raucht im Moment etwas weniger,
00:11:43: sie trinkt nicht mehr aus der Flasche. Sie hat
00:11:47: einmal einen Moralischen gehabt, so kann man das nennen, sie war in einer kleinen
00:11:52: Depression. Und dann ist sie runter in die Bibliothek, hat sich eine Flasche
00:11:57: Wein mitgenommen, hat sich hingesetzt und aus der Flasche getrunken.
00:12:00: So etwas fällt mir als Autorin manchmal auf die Füße, dass dann jemand in
00:12:04: einer Rezension schreibt: Das finde ich überhaupt nicht gut.
00:12:07: Sie raucht zu viel, sie trinkt aus der Flasche.
00:12:10: Tja, sie hat halt ihre kleinen Fehler. Jeder muss damit leben.
00:12:13: Ich lebe damit, Mathilde lebt damit, die Leserschaft muss auch damit leben.
00:12:17: Du schreibst ja gleichzeitig, hatte ich eingangs gesagt, an verschiedenen Büchern.
00:12:22: Also gleichzeitig, weiß ich nicht.
00:12:23: Aber du sagst, Mathilde hat etwas von dir. Ich glaube, nicht alle Protagonistinnen
00:12:29: haben etwas von dir. Wie machst du das, dass du da nicht durcheinanderkommst?
00:12:34: Ich schreibe nicht gleichzeitig, das würde ich nicht schaffen,
00:12:37: aber sie haben alle ein bisschen etwas von mir.
00:12:39: In der Nordseereihe, die auf Pellworm spielt, ist ja eine Köchin zugange,
00:12:45: Louise Dumas, die aus dem Elsass kommt, also wieder mein Frankreich-Bezug.
00:12:51: Dass sie Köchin ist, liegt daran, dass Kochen meine große Leidenschaft ist.
00:12:58: Bei den Thrillern ist es so, dass sie im ersten Band noch eine Art Nebenrolle spielt.
00:13:04: Im zweiten Band spielt sie die Hauptrolle, das ist Tessa, und Tessa ist Kunsthistorikerin.
00:13:09: Insofern fließt beim „Bildersammler“ mit Tessa wieder mein Beruf hinein.
00:13:17: Ganz lösen kann ich mich von meinen Protagonistinnen also nicht.
00:13:21: Ich werfe sie auch nicht durcheinander. Genau, und deswegen kann man auch nicht
00:13:24: gleichzeitig, denke ich, an den Büchern schreiben. Da musst du aber sehr fleißig
00:13:27: sein und, das
00:13:29: sagtest du ja auch, sehr strukturiert, damit man das überhaupt alles abdecken kann.
00:13:35: Ja, ich habe eigentlich so eine Art Tagesplan, den ich mir auferlege,
00:13:39: sobald das nächste Buch angefangen wird. Und die Frankreich-Bücher schreibe
00:13:44: ich eigentlich hauptsächlich in Frankreich, weil ich da zur absoluten Ruhe komme.
00:13:48: Und ich bin auch mehr als ein paar Wochen da. Ich bin Monate da.
00:13:52: Insgesamt etwa fünf Monate des Jahres in Frankreich und etwa sieben Monate in Bremen.
00:13:59: Und ich möchte, wie soll ich sagen, am Tag ein Kapitel schreiben.
00:14:05: Und ein Kapitel hat so zwischen sechs und neun Seiten.
00:14:10: Ich habe eine gewisse Vorgabe vom Verlag: Etwa 350 Seiten soll so ein Buch haben.
00:14:15: Dann weiß ich etwa, wie viele Kapitel ich schreibe oder schreiben möchte.
00:14:20: Und dann fange ich einfach an, meistens am etwas späteren Vormittag,
00:14:24: über die Mittagszeit hinaus.
00:14:26: Und dann muss ich einfach gucken, wie es mir geht. Also nicht,
00:14:29: ob es mir schlecht oder gut geht, sondern ob die Gedanken einfach fließen, ob ich dabei bin.
00:14:35: Ich bin nicht in absoluter Klausur, das haut bei mir nicht hin,
00:14:37: dass ich mich komplett wegschließe.
00:14:40: Dazu ist zu viel um mich herum. Der Hund ist da, der muss gefüttert werden,
00:14:43: der will spazieren gehen. Ich will auf den Markt gehen, ich will einkaufen, ich will kochen.
00:14:47: Und wir haben auch Gäste in Frankreich, sind zum Apéro eingeladen und,
00:14:52: und, und. Ich bin da nicht vollkommen in Klausur.
00:14:56: Deswegen versuche ich schon, meinen Plan einigermaßen einzuhalten,
00:15:00: aber es funktioniert halt nicht immer.
00:15:02: Und ich merke auch: An manchen Tagen läuft es gar nicht, und dann wird der Laptop
00:15:05: zugeklappt, und dann schreibe ich halt nichts.
00:15:10: Das ist mir nämlich auch aufgefallen. Ich habe ja schon mit einigen Frankreich-Krimi-Autoren
00:15:14: gesprochen, und fast alle schwören auf diese festen Schreibzeiten.
00:15:18: Und das ist bei dir ein bisschen anders. Ich habe sogar gelesen,
00:15:21: es stört dich gar nicht, wenn du mal unterbrochen wirst.
00:15:24: Nee, das stört mich überhaupt nicht. Ich habe meinen Faden,
00:15:28: wenn ich ein Kapitel angefangen habe, wenn der erste Satz eines Kapitels steht …
00:15:33: Dann kann ich dieses Kapitel auch mit zweistündiger Unterbrechung schreiben.
00:15:37: Ich weiß genau, was ich vorhabe, wie es weitergeht.
00:15:41: Was natürlich nicht bedeutet, dass ich mich starr an 40 Kapitel halte.
00:15:45: Innerhalb dieses Schreibprozesses mit, ich sage jetzt mal, 40 Kapiteln –
00:15:51: das ist jetzt einfach nur so eine Zahl – passiert ja sehr viel.
00:15:56: Ich habe zum Beispiel in Kapitel 3 einen Mörder, bei dem ich in Kapitel 16 plötzlich
00:16:03: merke: Das passt einfach nicht.
00:16:05: Ich kriege den mit dieser Person kaum zusammen. Habe ich vielleicht eine bessere
00:16:08: Person, die vorher schon aufgetaucht ist? Dann muss ich wieder ziemlich viel ummodeln.
00:16:12: Aber der Schreibprozess ist im Prinzip, obwohl ich sehr strukturiert bin,
00:16:19: ein Fließprozess, von dem immer wieder kleine Bächlein abgehen,
00:16:23: die sich wieder zusammenfügen zu dem großen Ganzen.
00:16:28: Ja, so könnte man es eigentlich ausdrücken. Es sind immer wieder Nebenarme,
00:16:31: die ich dann plötzlich aufnehme, die aber wieder zurück zum Hauptfluss führen.
00:16:36: Wenn du sagst, du schreibst die Mathilde-Geschichten hauptsächlich in Frankreich:
00:16:42: Wie muss man sich das vorstellen?
00:16:45: Zuallererst ist es wichtig, dass ich alles kennenlerne, was mich in diesem
00:16:50: Buch beschäftigt. Du hast ja zum Beispiel „Die tote Archäologin“ gelesen.
00:16:54: Die Idee kam damals, als der IS Palmyra zerstört hat, die Anlage von Palmyra,
00:17:02: und dabei auch den Chefarchäologen getötet hat.
00:17:07: Das hat mich als Archäologin unheimlich mitgenommen,
00:17:12: muss ich sagen, auch dass dieser Mann für seine Arbeit gestorben ist.
00:17:16: Deswegen habe ich ihm das erste Kapitel gewidmet. Du hast es vielleicht
00:17:18: gelesen, da ist dieser Mensch, der dort geköpft wird.
00:17:23: Man weiß nicht, dass er geköpft wird, es ist dieses Geräusch.
00:17:29: Und dann war mir natürlich klar: Alles, was in dieser ganzen Gegend archäologisch ausgegraben
00:17:34: wurde, muss ich besuchen.
00:17:36: Dann habe ich alle Grabungen besucht und bin tatsächlich auch eingeladen worden.
00:17:42: In Uzès zum Beispiel ist gerade ein Mosaikfußboden ausgegraben worden.
00:17:47: Wir sind zur Grabungsstätte gegangen und haben gefragt, und dann
00:17:51: durften wir uns überall umgucken. Das war immer ganz toll.
00:17:53: Und so versuche ich, mich über drei Monate hineinzurecherchieren.
00:18:01: Die Recherche, also was ich lese, mache ich in Bremen.
00:18:05: Das kann ich hier machen. Ich bestelle mir die Bücher passend zu diesem Thema,
00:18:09: aber die Vor-Ort-Recherche dauert dann natürlich auch sehr lange, sehr intensiv.
00:18:13: Und dann setze ich mich hin und fange an. Lass uns doch mal zusammen nach Frankreich
00:18:20: reisen. Ihr habt ja ein Haus in der Nähe von Nîmes.
00:18:24: Für die Hörer, die gar nicht so genau wissen, wo das eigentlich ist:
00:18:27: Kannst du das erst mal geografisch einordnen? Wo fahrt ihr da genau hin?
00:18:32: Nîmes ist die Hauptstadt des Gard.
00:18:36: Der Gard ist ein Teil des Languedoc. Das Languedoc hat ja mehrere Teile,
00:18:44: und es grenzt an die Provence.
00:18:46: Der südöstlichste Teil des Gard ist Beaucaire. Beaucaire liegt direkt gegenüber von Tarascon.
00:18:55: Tarascon ist dann schon Provence. Die Rhône ist sozusagen die Grenze.
00:19:00: Nîmes liegt etwa, ich sage jetzt mal, eine halbe Stunde südlich der Cévennen.
00:19:09: Es liegt nordöstlich von Montpellier. Montpellier ist die Hauptstadt des Hérault.
00:19:17: Und unser Dorf liegt so, ich sage jetzt mal, 20 Minuten,
00:19:22: 25 Minuten, je nachdem, wie schnell man fährt, nordöstlich von Nîmes.
00:19:30: Wenn ich Cévennen höre, fällt mir natürlich sofort Robert Louis Stevenson ein
00:19:34: mit seiner „Reise mit dem Esel durch die Cévennen“ und auch der „Schatzinsel“.
00:19:38: Zwei meiner absoluten Lieblingsbücher, die ich als Kind verschlungen habe.
00:19:43: Und ich glaube, du kannst sogar bis zu den Cévennen gucken, wenn du an deinem
00:19:48: Tisch sitzt und schreibst.
00:19:49: Genau, ich gucke bis auf die Cévennen. Ich gucke über Weinfelder hinaus bis
00:19:54: in die Cévennen. Je nach Wetterlage kann ich sehr weit gucken.
00:19:58: Und wir sind auch viel dort zum Wandern, zum Abschalten. Es ist dort im Sommer
00:20:05: nicht ganz so heiß wie auf dem Land, wo wir leben.
00:20:10: Und Stevenson ist ja vom Norden in den Süden gewandert und
00:20:17: dann in Saint-Jean-du-Gard angekommen.
00:20:19: Saint-Jean-du-Gard ist von uns aus etwa 40, 45 Minuten entfernt.
00:20:25: Und den Weg kann man übrigens heute noch gehen. Der Endpunkt ist allerdings –
00:20:29: die meisten Leute kommen ja mit dem Fahrzeug an und starten dann –
00:20:35: normalerweise Alès.
00:20:37: Alès ist unsere nächstgelegene größere Stadt, dorthin fährt die Bahn,
00:20:43: und dort starten viele Leute beziehungsweise kommen dort an.
00:20:47: Wenn ich die Region höre: Ich war als Kind oft am Pont du Gard.
00:20:51: Wir sind ja mit meinen Eltern durch Frankreich gefahren und haben immer am Pont
00:20:56: du Gard gehalten, mit Baguette und Picknick, und jedes Mal gab es ein
00:21:00: bisschen archäologischen Vortrag meines Vaters, den das einfach interessiert hat.
00:21:06: Und natürlich waren wir auch in Nîmes und standen,
00:21:08: ich weiß nicht, x-mal vor dem damals verschlossenen Amphitheater.
00:21:13: Was macht für dich den Zauber von Nîmes aus?
00:21:18: Ich fange jetzt einfach mal beim Pont du Gard an. Das ist auch eines
00:21:21: meiner ersten Erlebnisse, muss ich sagen. Und mein Mann erzählt immer noch davon,
00:21:25: dass er damals sogar mit dem Hund – er hatte damals einen Schäferhund –
00:21:29: oben noch drübergehen konnte. Das ist heute nicht mehr möglich.
00:21:32: Das haben wir als Kinder auch gemacht. Ja, das geht nicht mehr, und heute
00:21:36: ist es komplett abgeschlossen.
00:21:38: Man muss Eintritt bezahlen, aber es gibt auch ein wunderbares Museum dazu.
00:21:43: Es lohnt sich wirklich, Halt zu machen und sich dieses Wunderwerk der Technik anzuschauen.
00:21:50: Er gehört ja zum Gard. Manche setzen ihn gern in die Provence,
00:21:54: aber nein, der Pont du Gard liegt im Gard.
00:21:58: Und Nîmes ist für mich einfach eine der faszinierendsten Städte, muss ich sagen.
00:22:04: Das liegt daran, dass sie in jeder Hinsicht so bunt ist.
00:22:09: Sie hat natürlich ihre Banlieues, in denen auch Gewalt herrscht.
00:22:14: Das darf man nicht verschweigen.
00:22:16: Aber wenn man sich ins Innere der Stadt begibt, hat man wirklich alles.
00:22:20: Du hast die Maison Carrée, einen antiken Tempel. Die Arena ist geöffnet,
00:22:28: du kannst jetzt hinfahren.
00:22:30: Du stehst nicht mehr vor verschlossenen Türen. Sie hat natürlich ihre Öffnungszeiten,
00:22:35: und im Moment wird sie sehr stark restauriert.
00:22:38: Dann hast du Barock: den Jardin de la Fontaine, einen barocken Garten
00:22:45: mit Wasserspielen, mit terrassenförmig angelegten Gärten.
00:22:50: Du gehst hoch zwischen Kräuterbeeten, atmest diesen Duft ein, und dann
00:22:54: kommst du oben an der Tour Magne an.
00:22:56: Sie ist keltischen Ursprungs, die Römer haben sie dann zu einem Wachturm ausgebaut,
00:23:02: der über die Stadt wacht, beziehungsweise von dort aus hat man die Stadt bewacht.
00:23:08: Dann das modern gebaute Musée de la Romanité.
00:23:15: Das Museum ist allerdings ein …
00:23:18: Also ein moderner Bau, innen allerdings archäologische Funde,
00:23:23: die die Stadtgeschichte beschreiben.
00:23:25: Dann gibt es ein Museum für moderne Kunst.
00:23:29: Die Gässchen, die Straßen sind zu jeder Jahreszeit so belebt.
00:23:36: Boutiquen, kleine Cafés. Du flanierst dadurch und fühlst dich einfach wohl.
00:23:44: Ich kriege richtig Lust, gleich wieder hinzufahren. Ich war mal in Nîmes
00:23:50: und habe nur von draußen zugehört, da war zufällig gerade ein Konzert.
00:23:53: Ich meine, das waren die Gipsy Kings.
00:23:55: Das war eine ganz tolle Atmosphäre. Ich weiß noch, dass ich da stand und
00:23:59: dachte, da wäre ich jetzt auch gern drin.
00:24:01: Waren die dann in der Arena?
00:24:05: Ja. Da ist ja viel los. Letzte Woche, vorletzte Woche war die Feria.
00:24:11: Die geht in Nîmes, in den Straßen, über vier, fünf Tage.
00:24:16: In den Straßen tummeln sich Millionen Menschen.
00:24:20: Das ist wirklich nicht übertrieben. Die kommen von überall her.
00:24:22: Die Straßen sind voll mit Umzügen.
00:24:26: Flamencotänzer, Gitarrenspieler, Pferdevorführungen im Jardin de la Fontaine,
00:24:34: allerdings auch die blutigen Stierkämpfe in der Arena, was überhaupt nicht mein Fall ist.
00:24:41: Das mag ich nicht. Ich verstehe nicht, dass er noch gemacht wird,
00:24:49: der blutige Stierkampf. Aber bitte, es wird als Tradition bezeichnet.
00:24:53: Es gibt viele merkwürdige Traditionen auf dieser Welt.
00:24:56: Es gibt aber auch unblutige. Genau, das ist die Course camarguaise. Das ist ein Stierkampf,
00:25:03: eigentlich aber ein Kräftemessen, sagen wir mal so.
00:25:05: Die Stiere haben zwischen den Hörnern eine Kokarde, und die Männer – meistens
00:25:13: Männer, mittlerweile sind aber auch Frauen und junge Männer dabei –,
00:25:16: die haben so eine Art Kratzer, wie eine Gabel. Ich nenne es jetzt
00:25:21: einfach mal Gabel, von der Funktion her ist es wie eine Gabel.
00:25:26: Und sie nähern sich dem Stier und versuchen, diese Kokarde zwischen den Hörnern
00:25:31: wegzuholen, also zu erringen.
00:25:33: Und das ist unblutig.
00:25:36: Es sei denn, einer der Stierkämpfer fällt auf die Nase,
00:25:40: dann fließt schon ein bisschen Blut.
00:25:41: Und dann gibt es fast in jedem Dorf bei uns
00:25:46: die sogenannte Fête votive. Und dann werden sehr viele Abrivados abgehalten.
00:25:50: Das bedeutet, die Stiere laufen in einem abgetrennten Bereich durch die
00:25:57: Straßen, ähnlich wie in Pamplona.
00:26:01: Und die Jugend des Dorfes versucht dann, so einen Stier irgendwie am Horn
00:26:06: oder am Schwanz zu packen.
00:26:09: Meistens gelingt es ihnen nicht, und die Tiere werden
00:26:12: begleitet von Manadiers, die zu Pferd nebenher reiten und versuchen, den Stier dann
00:26:19: wieder zurück
00:26:22: in seine Umzäunung zu bringen oder in einen großen Wagen,
00:26:26: in dem er transportiert worden ist. Aber auch das ist eine Tradition.
00:26:30: Ja, Traditionen gibt es da ja viele. Wie ist das für euch?
00:26:34: Du sagtest ja, ich glaube, knapp die Hälfte der Zeit seid ihr in Frankreich.
00:26:37: Seid ihr da richtig eingebunden in die Dorfgemeinschaft?
00:26:42: Unser Dorf ist sehr klein, und in unserem Dorf gibt es eigentlich nichts
00:26:48: außer dem Bürgermeister, einer Grundschule und einer kleinen Bibliothek in dem
00:26:53: Bereich, wo auch die Grundschule ist.
00:26:56: Im nächsten Dorf gibt es dann einen Bäcker,
00:26:58: eine kleine Kneipe und noch dies und das.
00:27:03: Insofern hat man wenig Möglichkeiten, am Dorfleben teilzunehmen.
00:27:07: Aber wir sind mit den Nachbarn befreundet.
00:27:12: Im übernächsten Dorf haben wir Freunde, sodass man sich auch regelmäßig trifft.
00:27:18: Aber dass man jetzt integriert sein könnte, das ist halt nicht möglich.
00:27:23: Weil es Dorfleben in dem Sinne nur zu den Fêtes gibt, die in gewissen Abständen stattfinden.
00:27:30: Da mischt man sich unters Volk. Dann trinkt man zusammen einen Pastis
00:27:33: oder ein Glas Wein und kommt ins Gespräch.
00:27:36: Aber dann geht das auch schon wieder auseinander. Wie gesagt,
00:27:38: bis auf die Freunde in der direkteren Umgebung, bei denen man einfach sagt:
00:27:43: Kommt heute Abend mal vorbei zum Apéro.
00:27:46: Das funktioniert gut, aber das Dorfleben ist halt
00:27:50: nicht groß vorhanden. Das Dorf ist bewohnt, es ist ja nicht so, dass da niemand lebt.
00:27:57: Aber es fehlt halt der Dorfmittelpunkt.
00:28:02: Und wenn du recherchierst, sagtest du, wirst du auch eingeladen.
00:28:06: Als Archäologin hast du in und um Nîmes oder Uzès Kontakte.
00:28:14: Und wie gehen die Franzosen damit um? Eine Kollegin aus Deutschland –
00:28:19: sind sie dir wohlgesonnen? Ist das ein schöner Austausch?
00:28:22: Ach, wir gehen einfach hin und fragen. So einfach ist die Geschichte.
00:28:25: Die normalen Grabungsstätten sind ja sowieso öffentlich.
00:28:30: Das ist Tourismus pur: Du zahlst deinen Eintritt, gehst hin und kannst dir
00:28:34: die ganzen Grabungen anschauen und dir ein Bild davon machen,
00:28:36: was zur Römerzeit oder davor, zur gallorömischen Zeit, gebaut worden ist.
00:28:43: Und wenn es so ist, wie ich eben sagte, in Uzès, dann bin ich einfach hin und
00:28:47: habe gesagt: Ich bin Kollegin – wobei ich dazu sagen muss,
00:28:52: mein Hauptfach war die Kunstgeschichte.
00:28:54: Die Archäologie war mein Nebenfach. Ich bin zwar Archäologin,
00:28:58: aber hauptsächlich Kunsthistorikerin.
00:29:01: Und dann gehe ich hin und sage: Kann ich mir das angucken?
00:29:05: Ich recherchiere gerade für ein Buch. Und dann sind sie gleich:
00:29:08: Oh, was für ein Buch? Dann sage ich: Ja, ein Polar. Polar ist die
00:29:12: Abkürzung für Kriminalroman im Französischen.
00:29:16: Und dann: Ja, gerne, komm mit. Mein Mann hat dann immer einen Fotoapparat
00:29:22: dabei, damit ich vor Ort auch Fotos habe, während ich
00:29:25: am Rumwühlen und am Gucken bin.
00:29:28: Mitarbeiten darf ich da natürlich nicht, um Gottes willen. Ich darf es mir angucken,
00:29:31: und es wird mir auch erklärt.
00:29:34: Das spielt übrigens auch in der „Toten Archäologin“ eine Rolle.
00:29:38: Da gibt es eine Szene, in der sie sich so eine Grabung angucken.
00:29:43: Das ist die in Uzès. Die habe ich da gleich eingepackt.
00:29:46: Ja, da fühlte ich mich gleich zu Hause, weil ich viel in Katalonien war, und
00:29:52: da gibt es ja diese römisch-griechischen Ausgrabungen von Empúries.
00:29:55: Ich weiß nicht, ob du die kennst.
00:29:57: Großartig und riesig, und sie werden jedes Jahr größer. Da bin ich schon als Kind
00:30:00: immer herumgeturnt. Ob Regen oder Hitze, ob ich wollte oder nicht:
00:30:04: Wir wurden jedes Jahr dorthin geschleppt.
00:30:07: Aber ich fand es dann ganz toll. Und jetzt gebe ich das sozusagen an meinen Sohn weiter.
00:30:12: Ich finde, das ist eine ganz schöne, langsame Art, noch mal so eine alte Welt zu entdecken.
00:30:18: Und dadurch, dass man heute so viele Möglichkeiten hat,
00:30:21: mit 3D Dinge wieder auferstehen zu lassen, ist das für Kinder natürlich auch ganz anders greifbar.
00:30:26: Wir sind mal den ganzen Weg abgewandert.
00:30:30: Der Pont du Gard steht ja nicht allein da. Er ist ja nicht plötzlich da gewesen,
00:30:34: und das Wasser kam von oben herunter, sondern
00:30:37: das Wasser kam ja von irgendwoher und musste über viele, viele kleine andere
00:30:43: Wege, also solche Aquädukte, geführt werden.
00:30:46: Und diese Aquädukte gibt es zum Teil noch. Es gibt einen richtigen Weg,
00:30:50: auf dem man jedes Aquädukt wiederentdecken kann. Manchmal ist nur noch die
00:30:54: Rinne zu sehen, die wir von oben kennen, vom Pont du Gard.
00:30:59: Manchmal stehen noch zwei Bögen, und das ist natürlich auch eine
00:31:03: ganz tolle Wanderung. Wir haben das so peu à peu gemacht, weil es sonst zu lang wäre.
00:31:07: Aber das ist auch eine ganz spannende Sache, die man als Tourist,
00:31:12: als Urlauber machen kann.
00:31:14: Was ich meinen Kunden empfehle, ist auch, nicht direkt zum Pont du Gard
00:31:17: hinzufahren, sondern ein Stückchen weiter weg und dann die letzten Kilometer
00:31:22: dahin zu wandern, weil man, finde ich, einen ganz anderen
00:31:25: Bezug kriegt, wenn er plötzlich so auftaucht.
00:31:28: Ich weiß gar nicht, ob wir es gesagt haben:
00:31:30: Der Pont du Gard ist eine ganz große alte römische Wasserleitung
00:31:34: mit diesen geschwungenen Bögen, die man überall auf Postkartenmotiven sieht.
00:31:39: Und das Schöne ist ja tatsächlich, was du sagtest,
00:31:42: dieses Museum, das es jetzt noch dazu gibt, wo man einfach noch mal ein ganz
00:31:46: anderes Verständnis bekommt, auch für die Bauweise und dafür, wie mühsam es war,
00:31:50: das ganze Bauwerk zu errichten.
00:31:53: Ja, absolut, Ingenieurskunst. Wenn man bedenkt, dass bei uns eine Brücke
00:31:57: gebaut wird, die nach 30, 40 Jahren marode ist und abgerissen werden muss –
00:32:02: da ist echt Hut ab vor dem, was diese Menschen,
00:32:09: ich nenne sie Ingenieure, geleistet haben, dieses Know-how.
00:32:12: Wie muss das Gefälle sein?
00:32:16: Das fängt kilometerweit entfernt an, und unten in Nîmes kommt das Wasser
00:32:21: heraus. Das ist unfassbar.
00:32:24: Das stimmt. Ich kriege gleich wieder Lust, in die Region zu fahren
00:32:27: und auch noch mal nach Nîmes. Sehr schön, danke für den Einblick.
00:32:33: Dann treffen wir uns auf einen Kaffee dort. Das machen wir auf jeden Fall.
00:32:37: Aber wir sind noch gar nicht ganz fertig. Ich würde jetzt gern mit
00:32:41: dir, ein bisschen wehmütig zwar, erst mal zurück nach Deutschland reisen.
00:32:47: Du bist ja in Bremen. Wo gibt es denn in Bremen kleine Frankreich-Zufluchtsorte? Gibt es da etwas?
00:32:56: Da muss ich jetzt überlegen. Ich habe mal gehört, es gibt einen guten Franzosen in Bremen.
00:33:02: Ah, ich weiß jetzt nicht, welchen du meinst. Wir waren jüngst im Chapeau la Vache. Das ist
00:33:10: ein französisches Restaurant, es liegt schräg gegenüber vom Bürgerpark.
00:33:17: Und als ich da zum ersten Mal gegessen habe, habe ich auf die Speisekarte geguckt
00:33:22: und gedacht: Das gibt es doch nicht, da gibt es Boudin.
00:33:24: Ich weiß nicht, ob du das kennst, Boudin, diese Blutwurst.
00:33:28: Ja, ah ja, den kenne ich. Ist auch nicht so meins, aber …
00:33:32: Ja, gut, man muss es mal probiert haben.
00:33:36: Ich war total fasziniert, habe ihn mir gleich als Vorspeise bestellt
00:33:40: und war total hin und weg, wie er angerichtet war, so wie ich mir das vorgestellt
00:33:45: hatte. Als Saarländerin kennt man natürlich Boudin.
00:33:48: Und ja, das ist tatsächlich ein Lokal, das sehr schön französische Küche anbietet.
00:33:58: Na wunderbar, ich sammle ja auch immer Ideen. Ja, aber es ist nicht mein
00:34:02: Zufluchtsort, da hätte ich viel zu tun.
00:34:05: Okay, das war vielleicht ein bisschen falsch ausgedrückt.
00:34:09: Aber ich sammle ja immer Ideen, wir machen ja eine Gästetafel, und die
00:34:13: will ich auch noch über Hamburg hinaus erweitern. Vielleicht wäre das
00:34:17: mal etwas, so etwas in Bremen zu machen.
00:34:21: Was würdest du sagen: Was nimmst du aus Frankreich mit, wenn du wieder nach
00:34:25: Deutschland gehst, nach Bremen?
00:34:28: Gibt es irgendetwas an der französischen Lebensart, bei dem du sagst:
00:34:32: Das nehme ich mit, und das würde ich vielleicht nicht machen,
00:34:35: wenn ich nicht so einen Frankreich-Bezug hätte?
00:34:39: Ich nehme nichts mit, weil ich es immer bei mir habe. Dieses Lebensgefühl
00:34:43: brauche ich nicht mitzunehmen, das ist in mir drin. Diese –
00:34:49: wie soll ich sagen – Gastfreundschaft.
00:34:55: Gern gute Dinge zubereiten.
00:34:59: Das sind so Tugenden, würde ich fast sagen, die man den Franzosen gern zuschreibt.
00:35:06: Wobei man nicht vergessen darf: Die meisten von uns fahren ja als Urlauber
00:35:11: hin und sehen immer nur das Positive, das Gute, das Schöne und das Angenehme,
00:35:14: das Leichte, das Leben wie Gott in Frankreich, das Savoir-vivre.
00:35:19: Aber den Franzosen geht es ja nicht besser als den Deutschen.
00:35:22: Die haben alle ihre Päckchen zu tragen, sie hadern mit der Politik,
00:35:27: mit zu hohen Steuern, zu hohen Benzinpreisen, ist ja alles wie bei uns.
00:35:31: Und das bekomme ich ja auch mit. Aber das stört mich nicht oder ändert
00:35:36: nichts an meinem Lebensgefühl, das ich hier aber schon immer hatte.
00:35:40: Aber wenn du fragst, was ich mitnehme: Dann nehme ich Dinge mit,
00:35:43: die ich bei uns nicht so bekomme.
00:35:45: Natürlich könnte ich hier Wein kaufen, das ist vollkommen klar,
00:35:48: aber dadurch, dass wir einen tollen Winzer um die Ecke haben und unser
00:35:55: Wein quasi in Sichtweite wächst, nehme ich natürlich die Weine von dort mit.
00:36:01: Ich nehme auch Dinge mit, die ich dort gern esse, die ich aber hier bei uns
00:36:04: nicht bekomme.
00:36:07: In Delikatessgeschäften kriegst du schon sehr, sehr viel, aber es gibt manche
00:36:11: Sachen, die kriegst du einfach nicht. Die kannst du im Internet bestellen, ja.
00:36:14: Aber zum Beispiel Brandade de morue, das sind so Sachen, die nehme ich mit.
00:36:20: Das gibt es hier bei uns einfach nicht.
00:36:23: Gibt es etwas, das du vermisst, wenn du an einem Ort bist oder am anderen? Abgesehen vom Wein.
00:36:30: Wenn ich in Frankreich bin, vermisse ich meine Kinder und meine Enkel.
00:36:34: Das ist aber auch schon das Einzige, weil ich mich dort in Frankreich so wohlfühle,
00:36:39: dass ich nicht sagen würde, ich vermisse groß etwas.
00:36:43: Hier, kaum dass ich angekommen bin, vermisse ich die Sonne, ich vermisse die Wärme.
00:36:48: Ich vermisse es, die Fensterläden aufzumachen. Hier mache ich einen Rollladen
00:36:52: hoch, in Frankreich mache ich einen Fensterladen auf.
00:36:54: Ich vermisse den blauen Himmel, ich vermisse die Berge, auf die ich gucke.
00:36:59: Es hat alles seinen Reiz, es hat alles seine Zeit, aber ich bin immer mit
00:37:04: dem zufrieden, was ich gerade in meiner Umgebung habe beziehungsweise was mir angeboten wird.
00:37:13: Das sind wunderbare Abschlussworte, würde ich sagen. Genau darum geht es ja,
00:37:18: dass man irgendwie mit dem zufrieden ist, was da ist.
00:37:21: Aber ein bisschen Frankreich einfließen zu lassen, kann nicht verkehrt sein.
00:37:26: Nein, auf keinen Fall. Das nehme ich immer mit.
00:37:29: Liliane, dann danke ich dir ganz herzlich für das interessante Gespräch, und wir
00:37:35: treffen uns gern auf einen Café im Languedoc, beziehungsweise heißt es,
00:37:39: glaube ich, jetzt Okzitanien.
00:37:41: Genau, es war Languedoc-Roussillon, irgendwann ist alles neu geordnet worden,
00:37:47: und das ist jetzt Occitanie, genau.
00:37:50: Dann vielen Dank und bis ganz bald. Ja, ich danke dir, liebe Antje,
00:37:53: und freue mich auf dich. Bis dann. Tschüss. Tschüss.
00:37:59: Ich hoffe, Sie haben beim Zuhören ein bisschen mit uns in Nîmes,
00:38:02: im Gard und in den Cévennen gesessen, mit Blick auf die Weinberge,
00:38:06: römische Steine und natürlich Mathilde Boncourt.
00:38:10: Nach den dichter getakteten „Bonjour le Tour“-Folgen zur Tour de France sind wir
00:38:15: ab jetzt wieder im normalen „À table!“-Rhythmus unterwegs.
00:38:18: Alle zwei Wochen eine neue Etappe Frankreich. Viele der Orte,
00:38:22: über die wir heute gesprochen haben, Nîmes, die Umgebung des Pont du Gard,
00:38:27: tauchen auch in meinen Reisen auf.
00:38:29: Wenn Sie das einmal ganz in Ruhe und gut vorbereitet erleben möchten, schauen Sie gern auf …
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