Marseille? Marseille! Der Reiseführerautor Ralf Nestmeyer nimmt uns mit nach Marseille

Shownotes

In dieser Folge geht es nach Marseille: an den Alten Hafen, in die kreativen Viertel oberhalb des Wassers und in den Nationalpark der Calanques. Zu Gast ist Ralf Nestmeyer, Historiker, Reisejournalist und Autor zahlreicher Reiseführer, unter anderem zur Provence, zur Côte d’Azur, zur Normandie und natürlich zu Marseille.

Sie hören unter anderem:

– wie Ralf Nestmeyer Marseille kennengelernt hat und warum ihn die Stadt seitdem nicht mehr loslässt – wie sich Marseille in den letzten zwei Jahrzehnten gewandelt hat – städtebaulich, kulturell und touristisch – welche Wanderungen in die Calanques eher gemütlich und welche anspruchsvoll sind und warum die Jahreszeit so wichtig ist – welche Museen und Kulturorte sich lohnen, von der nachgebauten Tropfsteinhöhle am Hafen bis zur Friche la Belle de Mai – wie aus einer Idee Schritt für Schritt ein Reiseführer wird und warum vieles bewusst nicht ins Buch kommt

Für wen ist diese Folge besonders interessant?

Für Menschen, die

– Marseille bisher vor allem als Hafen oder „Tor zur Provence“ gesehen haben – eine individuelle Städtereise nach Marseille planen und mehr als die offensichtlichen Highlights suchen – gerne wandern und wissen möchten, was die Calanques ausmacht – sich dafür interessieren, wie Reiseführerautoren arbeiten

Orte und Stationen aus der Folge

– Alter Hafen mit dem Spiegeldach von Norman Foster – Le Panier und der Cours Julien – Parc national des Calanques mit der Calanque d’En-Vau – Villa Méditerranée und die Friche la Belle de Mai – Château d’If und die vorgelagerten Inseln – Plage des Catalans – Aix-en-Provence als Tagesausflug

Kulinarische Eindrücke aus der Folge

– Bouillabaisse – und warum es in Marseille noch viel mehr gibt – Couscous und arabische Küche als Teil der Stadtgeschichte – Salz aus der Camargue, Lavendelhonig und meterlange Salamis aus Banon als Mitbringsel

Reisetipp aus der Folge

Wandern Sie in die Calanques lieber in der Vor- oder Nachsaison: Im Sommer wird es auf den Felsen 35 bis 40 Grad heiß, und die Buchten sind voll. Nehmen Sie ausreichend Wasser, Verpflegung und Badesachen mit.

Weiterführende Inspiration

Wenn Sie Marseille und die Provence selbst erleben möchten, finden Sie auf unserer Website eine sorgfältig kuratierte Reiseidee. Sie bildet die Grundlage für ein individuelles Reiseangebot:

https://tourexquisit.de/reiseangebote-provence-frankreich/

Das Transkript zum Nachlesen: https://tourexquisit.de/marseille-ralf-nestmeyer-podcast/

Mein Gast: https://www.nestmeyer.de/

Ein herzliches Dankeschön an Atout France (https://www.france.fr/de/) für die Unterstützung bei den Kontakten zu dieser Folge.

Transkript anzeigen

00:00:05: Bienvenue bei „À table!“, dem Frankreich-Podcast von Tour Exquisit mit Antje Seele. Heute reisen wir nach Marseille, gemeinsam mit dem Reiseführerautor Ralf Nestmeyer. Als ich vor knapp 30 Jahren das erste Mal in Marseille war, war die Stadt ganz anders als all die anderen Küstenorte, und die Energie von Marseille hat mich sofort gepackt. Heute ist einer der bekanntesten Reiseführerautoren Deutschlands hier zu Gast. Er wollte unbedingt einen Reiseführer über diese Stadt schreiben. Wie er das macht und was die Stadt so besonders macht, das erzählt er uns heute auf einem Spaziergang durch die quirlige Stadt. Guten Morgen, Herr Nestmeyer. Guten Morgen. Wenn Sie früh am Morgen am Alten Hafen stehen, riecht Marseille nach Salz, Diesel und Croissant. Zinedine Zidane hat einmal gesagt, Marseille sei wahrscheinlich ein Ort wie Liverpool: lebendig, rau, echt. Wie würden Sie Marseille in drei Worten beschreiben? Authentisch, schön, interessant.

00:01:09: Ich war selbst mit Anfang 20 zum ersten Mal allein dort unterwegs, im Sommerkleid mit Rucksack. War das gefährlich? Es kommt darauf an, wo in Marseille Sie sich aufgehalten haben. Es gibt natürlich Viertel in Marseille, in die man als Tourist nicht unbedingt gehen sollte. Aber ich denke mal, Sie waren in touristischen Bereichen, und da war das, glaube ich, nicht gefährlich. Sie sagen, Sie kennen Marseille seit vielen, vielen Jahren und waren schon über zehnmal da. Wie hat sich die Stadt in den letzten 20 Jahren verändert?

00:01:39: Sie hat sich sehr, sehr positiv verändert. Vor allem seitdem Marseille Europäische Kulturhauptstadt wurde, hat die Stadt, finde ich, einen richtigen Schub bekommen. Da hat sich auch baulich ganz viel verändert. Nicht nur das neue Museum direkt am Hafen, ein ganz faszinierender Bau des Architekten Rudy Ricciotti, durch das man einfach so schlendern kann – man kann sich auf der Dachterrasse aufhalten, ohne ins Museum selbst Eintritt zahlen zu müssen. Ein ganz faszinierender Ort. Dann direkt am Alten Hafen diese Konstruktion von Norman Foster, bei der ein Spiegel auf Säulen in ungefähr zehn Meter Höhe steht, so groß wie ungefähr ein Handballfeld, würde ich mal schätzen, um die Dimension zu beschreiben. Und rundherum hat sich ganz viel verändert. Auf der einen Seite des Hafens, der südlichen, gibt es fast keinen Autoverkehr mehr. Früher war da massig Autoverkehr, links und rechts waren Parkplätze, und jetzt kann man da ganz problemlos flanieren. Die Stadt hat sich da schon ganz stark gewandelt. Gab es einen Moment, in dem Sie dachten: Jetzt verstehe ich die Stadt? Das kam irgendwie mit der Zeit.

00:02:58: Ich war früher gar nicht so extrem lange in Marseille. Erst als ich den Stadtführer über Marseille gemacht habe, der, glaube ich, 2018 erstmals erschienen ist, war ich bei der Recherche länger dort und bin natürlich auch in Ecken gekommen, in denen ich vorher nicht war. Vorher hatte ich Marseille in einem Reiseführer auf 15, 20 Seiten abgehandelt, und jetzt hatte ich auf einmal 180 Seiten. Da habe ich dann immer mehr Zugang zu Marseille gefunden, würde ich sagen. Und für wen ist Marseille besonders geeignet? Für welche Form des Tourismus, für Leute, die sich wofür interessieren?

00:03:37: Marseille würde ich allen empfehlen, die sich für Kultur interessieren – angefangen bei tollen Museen bis zu Vierteln wie dem alten Panier oberhalb des Hafens mit ganz vielen Graffitis. Oder am Cours Julien, einem anderen Szeneviertel, wo auch die Straßen voll mit den tollsten Graffitis sind. Solche Szeneviertel sind wieder ganz anders als ein Stück weiter, wo ganz viele arabische Händler ihre Waren verkaufen. Das ist vielleicht ein paar Hundert Meter entfernt, und man ist schon wieder in einer ganz, ganz anderen Welt. Man kann von Marseille aus natürlich auch wunderbar zu den vorgelagerten Inseln fahren, in einer halben Stunde mit der Fähre.

00:04:16: Man kann von Marseille aus auch ganz toll wandern. Zum einen an der Promenade und an der Küstenstraße entlang: Da kann man kilometerlang am Meer entlanglaufen. Oder – was ganz faszinierend ist und was ich im Reiseführer auch drin habe – Wanderungen. Bei einer davon fährt man ans eine Ende einer Buslinie, läuft von dort über einen Berghügel an die Mittelmeerküste zu den Calanques, diesen tief eingeschnittenen Buchten, gelangt über einen weiteren Berg zur nächsten Bucht, läuft von dort wieder ein kleines Stück ins Landesinnere und landet an der Endstation einer anderen Buslinie, mit der man bequem zurückfahren kann. Da kann man eine ganz tolle Wanderung unternehmen. Wie weit sind die Calanques von Marseille entfernt? Die ersten sind ungefähr zehn Kilometer Luftlinie entfernt. Und dann geht es ein Stück weiter die Küste entlang, die man ja auch erkunden kann. Man könnte also auch ausgedehnte Wandertouren machen. Die Calanques sind im Prinzip Kalkmassive mit besonderer Vegetation und dazwischen Buchten, richtig? Genau, diese tief eingeschnittenen Buchten mit ganz klarem, smaragdgrünem Wasser. Das ganze Gebiet steht unter Naturschutz. Da ist nichts verbaut, es wird in diesem Zustand belassen. Und es gibt auch ganz strenge Vorschriften:

00:05:42: Man darf nicht wild zelten, und rauchen darf man wegen der Waldbrandgefahr selbstverständlich auch nicht. Das ist eine ganz ursprüngliche Region. Sie sagten, man kommt mit dem Bus hin. Kann man auch mit dem Boot hinfahren? Es gibt auch Bootsausflüge, auch vom Alten Hafen. Das kann man genauso machen und mit dem Boot die Küste entlangfahren. Und haben Sie eine Calanque, die Ihnen besonders gut gefällt? Ja, ganz toll ist, noch ein Stück weiter Richtung Osten, die Calanque d’En-Vau. Die hat einen absolut ursprünglichen Charakter. Sie ist allerdings, wie viele dieser Buchten, im Sommer natürlich sehr von Touristen besucht. Man darf sich also nicht vorstellen, dass man da einsam ist, wenn man im Juli oder August hinwandert. Da sind dann schon sehr, sehr viele Menschen. Einsam wird es eher im Winterhalbjahr, sage ich mal.

00:06:38: Sind das eher leichte Wanderungen, oder ist das eher anspruchsvoll? Das ist schon eher anspruchsvoll, weil es ganz schön die Felsen rauf- und runtergeht. An verschiedenen Stellen braucht man mal die Hand, um sich abzustützen, oder muss einen Felsen hochklettern. Man braucht aber keine wirklichen Kletterkenntnisse, keine Sicherung, keine Seile oder so etwas, das kann man ganz normal machen. Aber man muss schon relativ fit sein. Für jemanden, der leichte Gehprobleme oder vielleicht ein bisschen Höhenangst hat, ist das wahrscheinlich nicht geeignet. Ja, ich habe da auch mal eine Wanderung gemacht. Ich erinnere mich, dass es da sehr heiß wird, weil es wenig Vegetation und damit wenig Schatten gibt. Ja, das können im Sommer durchaus 35, 40 Grad sein, gefühlt sogar eher noch mehr, weil die Hitze von diesem Felsmassiv zusätzlich abgestrahlt wird. Das ist schon anstrengend.

00:07:38: Deswegen würde ich das, wie gesagt, lieber in der Vor- oder Nachsaison unternehmen. Da ist es leerer, und die Temperaturen sind in der Regel angenehmer. Zwischendurch könnte man auch baden gehen? Ja, klar. Man kann die Badesachen mitnehmen und in der Bucht baden. Herrlich, hört sich das an. Gibt es da auch Möglichkeiten zur Einkehr? In ein paar Buchten gibt es Restaurants. Man kann also durchaus einkehren, wobei man eventuell reservieren muss, weil es natürlich voll sein kann. Oder man nimmt sich einfach Verpflegung im Wandergepäck mit, was man sowieso tun sollte.

00:08:16: Wir waren jetzt also am Alten Hafen von Marseille, sind mit dem Bus in die Calanques gefahren, haben eine Wanderung gemacht, kommen vielleicht mit dem Boot zurück und sind wieder am Alten Hafen. Sie haben vorhin das Viertel Le Panier erwähnt, das alte Viertel direkt am Hafen. Ist das auch Ihr Lieblingsviertel, oder gibt es ein anderes Viertel, das Ihnen besonders gut gefällt?

00:08:41: Ich mag auch den Cours Julien. Das ist ein Platz ein Stück oberhalb des Hafens, ungefähr einen knappen Kilometer Luftlinie vom Alten Hafen entfernt, etwas höher auf einer Ebene gelegen. Man hat von dort auch einen tollen Blick die Straßen hinunter. Es ist ein relativ lebendiges Viertel mit ganz vielen Studenten, alternativen Szenekneipen, Boutiquen, Secondhand-Läden und Restaurants. Also sehr bunt gemischt. In diesem Viertel bin ich auch sehr gerne. Ich war vor ein paar Jahren da, und genau als wir da waren, kam in einer Schweizer Zeitung ein Artikel heraus, das sei eines der coolsten Viertel Europas. Ich fand es auch total spannend, mich ein bisschen mit der Graffiti-Kunst dort zu beschäftigen. Das hat mir echt gut gefallen. Ja, da gibt es sogar Führungen zu den Graffitis. Das wechselt natürlich immer wieder, manche verschwinden auch, aber diese Graffiti-Kunst, die sich über ganz viele Hausfassaden erstreckt, ist wirklich sehr faszinierend. Ich habe sowieso den Eindruck, dass es in Marseille eine wahnsinnig lebendige Kunst- und Kulturszene gibt. Gibt es noch andere Museen, die Sie empfehlen würden? Sie haben vorhin das Museum am Hafen genannt.

00:10:08: Das ist ja eines der meistbesuchten Museen in Europa.

00:10:13: Ist das das sehenswerteste Museum, oder würden Sie sagen, das und das muss man auch unbedingt gesehen haben? Es gibt noch etwas direkt daneben.

00:10:22: In die ehemalige Villa Méditerranée wurde eine Nachbildung dieser berühmten Tropfsteinhöhle eingebaut, die in den Calanques gefunden wurde. Ihr Zugang liegt etwa 30 Meter unter Wasser, entdeckt wurde sie von einem Taucher, Herrn Cosquer. Die Höhle selbst kann man natürlich nicht besichtigen, weil sie mit all ihren Felszeichnungen streng geschützt ist. Aber man hat sie etwas verkleinert, nicht in ganzer Größe, aber maßstabsgetreu, in einem Gebäude am Hafen nachgebaut. Man fährt richtig mit dem Aufzug hinunter, weil sich die Ausstellung unter dem Meeresspiegel befindet. Man hat also auch ein bisschen das Gefühl, abzutauchen. Und dann fährt man in offenen Wagen langsam durch die Gänge und Säle und sieht die ganze Ausstellung. Das ist richtig faszinierend, man hat wirklich das Gefühl, in einer echten Höhle zu sein. Das Einzige, was noch ein bisschen fehlt: Die Temperatur ist nicht so kalt wie in einer echten Höhle. Aber ansonsten ist das ein ganz faszinierendes Museum, das man unbedingt gesehen haben sollte. Und dann gibt es ja auch noch viele offene Ateliers, meine ich, direkt am Hafen und in der Stadt verteilt.

00:11:47: Was ich noch nicht besucht habe, was mich aber sehr interessiert, ist die Friche la Belle de Mai. Waren Sie da? Dieses große alternative Kulturzentrum? Da war ich auch, es ist im Reiseführer ausführlich beschrieben. Das war eine ehemalige Zigarettenfabrik, die nicht mehr genutzt wurde und dann umgebaut worden ist. Es gibt dort ein Restaurant und eine Buchhandlung, und im Sommer finden auf dem Dach Kinovorführungen und Konzerte statt, dazu Ateliers. Das ist ein ganz bunter Szeneort, an dem sich sehr viel Leben abspielt. Er liegt ein Stück weg vom normalen touristischen Marseille, da muss man schon bewusst hinfahren.

00:12:31: Zufällig läuft man da nicht vorbei. Aber auch das lohnt sich, wenn man sich für so etwas interessiert. Wie ist das, wenn Sie dort sind? Das berühmteste Gericht der Stadt ist wahrscheinlich die Bouillabaisse. Was essen Sie dort außer der bekannten Fischsuppe besonders gerne? Es gibt dort wirklich alles Mögliche, von Couscous – es gibt ganz viele arabische Restaurants, die natürlich die Einwanderertradition widerspiegeln – bis hin zu asiatischen Lokalen und ganz normalen französischen Lokalen. Dann gibt es natürlich Lokale, die einfach toll sind, weil das Ambiente sehr stimmungsvoll ist oder die Lage ganz toll ist, wenn man zum Beispiel direkt an der Küste einen Blick hat. Da gibt es ganz unterschiedliche Sachen. Haben Sie einen Tipp, wie man den typischen Touristenfallen entgeht? Die typischen Touristenfallen – auch am Alten Hafen gibt es durchaus das eine oder andere wirklich gute Restaurant. Sobald man sich ein bisschen wegbewegt, zu bestimmten Lokalen, ist die Wahrscheinlichkeit eigentlich nicht groß, dass man in irgendeine Touristenfalle tappt, weil diese Lokale ja von den Einheimischen leben, die dort regelmäßig essen gehen. Wenn wir jetzt ganz viel in der Stadt unterwegs waren und diesem Trubel ein bisschen entfliehen wollen: Was würden Sie empfehlen, wenn ich trotzdem in Marseille bleiben möchte?

00:14:00: Einen Ausflug zu einer der vorgelagerten Inseln, wo auch das berühmte Château d’If ist, in dem nach dem Roman von Alexandre Dumas der Graf von Monte Christo inhaftiert war. Dann gibt es andere Inseln, auf denen weniger los ist, zum Baden. Es sind zwar auch Leute da, aber man fühlt sich auf einmal gar nicht mehr wie in Marseille, weil man auf so einer Insel in einer eigenen Welt ist. Allein diese halbe Stunde Überfahrt mit der Fähre bringt einen in eine andere Atmosphäre. Wenn man länger in Marseille bleibt, kann man auch ganz bequem mit dem Zug in einer halben Stunde nach Aix-en-Provence fahren und dort einen Tagesausflug unternehmen. Es gibt also viele Möglichkeiten, was man von Marseille aus unternehmen kann. Wenn ich jetzt auf so eine Insel fahre, muss ich da etwas zu essen mitnehmen, ein Picknick oder so? Da gibt es auch Restaurants. Nicht beim Château d’If, das ist eine reine Museumsinsel, aber auf den anderen Inseln, auf der Hauptinsel, gibt es mehrere Restaurants. Da leben ja auch Leute fest. Nicht sehr viele, aber es gibt Leute, die dort sogar ihren Wohnsitz haben. Ja, und Marseille hat auch noch ein paar Stadtstrände, glaube ich. Die gibt es auch, gar nicht weit vom Alten Hafen entfernt. Die erste Bucht ist die Plage des Catalans, das ist der erste Sandstrand.

00:15:28: Davor gibt es sogar einen Unterwasserpfad mit Skulpturen im Meer, die man mit dem Schnorchel ansehen kann. Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Und weiter die Küste entlang gibt es mehrere Sandstrände, bei denen der Sand in dem Fall vor ein paar Jahrzehnten aufgeschüttet worden ist. So hat man vor allem für die Einheimischen, die diese Strände stark frequentieren, aber auch für die Touristen die Möglichkeit, in Marseille am Sandstrand zu sein.

00:16:02: Sie beschreiben die Stadt ja, und ich habe das in dem Marseille-Reiseführer gelesen. Ich glaube, es war Ihr Wunsch oder Ihre Idee, dass zu Marseille noch einmal ein eigener Reiseführer entsteht. Sie sind ja nicht nur Reiseführerautor, sondern auch Krimiautor, Historiker und Reisejournalist, und ich habe auf Ihrer Website eine Beschreibung gelesen, wie – in Anführungsstrichen – unromantisch das eigentlich ist. Das hat mich sehr an meine eigenen Recherchereisen erinnert. Man stellt sich immer vor: Oh toll, Reisejournalist, man fährt durch die Gegend, schaut sich alles an und kriegt das auch noch bezahlt. Die Realität sieht ein bisschen anders aus. Darüber wollte ich gerne noch mit Ihnen sprechen. Wie beginnt das Ganze, wenn Sie ein neues Reisebuchprojekt haben?

00:16:54: Wie starten Sie in die Planung? Es ist natürlich immer ganz aufwendig, einen Reiseführer neu zu schreiben. Das Provence-Buch war damals mein erster großer Frankreich-Reiseführer, dann kamen noch andere Regionen dazu, Languedoc-Roussillon, die Normandie und so weiter. Mit dem ersten, mit Schreiben und Recherche, war ich damals ungefähr ein Jahr beschäftigt, würde ich sagen, bis ich ihn fertiggestellt hatte. Er hatte schon in der ersten Auflage über 500 Seiten. Das war schon umfangreich und bedeutete zum einen mehrere Wochen, bestimmt zweieinhalb Monate, Recherchereisen vor Ort und dann viel Arbeit am heimischen Schreibtisch. Bei diesen Recherchereisen ist man natürlich ein bisschen wie ein Handlungsreisender. Man klappert die Region Dorf für Dorf ab, ist eine halbe Stunde da, fährt zum nächsten Ort. Da ist man schon relativ viel mit Fahren beschäftigt, weil die Region natürlich sehr, sehr groß ist, und wenn man in halbwegs vernünftiger Zeit durchkommen will, muss man dranbleiben. Und man macht es ja nicht wie ein Tourist, der sich in zwei Wochen Urlaub ein paar Sachen herauspickt, die er gerne sehen will. Ich biete in einem Reiseführer ganz viele Möglichkeiten an und erzähle ganz viel darüber, was man sehen kann: Städte, Dörfer, einsame Klöster, Strände, Baden im See und was auch immer. Da hängt natürlich viel dran, und das macht die Recherchereise sehr aufwendig.

00:18:23: Wie bereiten Sie sich darauf vor? Recherchieren Sie im Internet? Sprechen Sie mit Einheimischen?

00:18:29: Wie machen Sie das? Als ich damit begonnen habe, 1996, gab es ja noch kein Internet.

00:18:35: Es gab auch kein Wikipedia. Man war quasi auf Bücher angewiesen. Ich habe mir natürlich auch französische Bücher besorgt, um mich zusätzlich zu informieren, dazu alles Mögliche aus deutschen Bibliotheken, was über die Region geschrieben wurde, auch geschichtliches Hintergrundwissen, um mir das anzueignen. Das ist zum einen die Vorarbeit. Und dann ist man natürlich vor Ort, schaut sich die Sachen an, die man beschreibt – Museen, Kirchen und andere Sehenswürdigkeiten –, und kommt natürlich auch mit Leuten ins Gespräch, wenn man Fragen hat.

00:19:17: Beziehungsweise gibt es ja manchmal zu einzelnen Sachen Broschüren, über Museen und so weiter, die ich dann auch mitgenommen habe. Heutzutage steht das alles im Internet. Früher war das, wie gesagt, wirklich aufwendiger. Man kann sich das vielleicht gar nicht mehr so vorstellen: Wenn es um den Eintritt in, sagen wir, den Papstpalast in Avignon ging, musste man hingehen und die Öffnungszeiten und die Eintrittspreise an der Tür notieren. Die standen ja nirgendwo. Und Sie sagten, das war der erste Provence-Reiseführer – wenn man ein Reiseführer-Produkt neu aufbaut, ist das sehr arbeitsintensiv. Wenn Sie jetzt wieder hinfahren, um zu recherchieren oder eine aktualisierte Auflage zu erstellen, wie lange sind Sie dann unterwegs? Der Reiseführer Provence & Côte d’Azur, da ist beides drin, er deckt die gesamte Region ab. Da bin ich schon noch mal vor Ort, würde ich sagen, so sechs,

00:20:14: sieben Wochen, meistens auf zwei Recherchereisen aufgeteilt, weil mir das am Stück irgendwann zu lang wird. Dazu kommen Vorrecherche zu Hause und ein bisschen Nacharbeit hinterher. Während der Reise vor Ort laufe ich immer mit einem Diktiergerät durch die Gegend und spreche verschiedene Sachen auf, die ich abends im Hotelzimmer in der Regel noch in Kurzform eintippe, weil dann die Erinnerungen am frischesten sind. Also schreiben Sie auf der Reise zumindest schon kurz vor. Ja, Restaurantbeschreibungen, neue Hotels und solche Sachen mache ich oft abends, weil die Eindrücke dann viel besser sind. Wenn man so und so viele Hotels oder andere Sachen gesehen hat und sich dann zurückerinnern muss, wird es immer schwieriger. Wie entscheiden Sie denn, was ins Buch kommt und was nicht? Gerade wenn es um Restaurants geht, stelle ich mir vor, da gibt es sicherlich auch mal Dinge, bei denen man sagt: Das war jetzt vielleicht eine Enttäuschung.

00:21:14: Zum einen kann ich mir die Hotels, die im Buch stehen, ja alle anschauen. Aber essen kann ich schon aus Zeitgründen unmöglich in allen Restaurants, die in so einem Reiseführer stehen. Ich nutze also zum einen lokale Restaurantführer, und für die hochpreisigen, guten Restaurants den Michelin und den Gault&Millau. Ich schaue, was dort empfohlen wird, und orientiere mich unter anderem daran. Dann gibt es Erfahrungswerte: Ich schaue mir alle an, auch wenn ich nicht dort esse – die Räumlichkeiten, logischerweise die Speisekarte und so weiter. Dann gibt es Restaurants, die einfach toll gelegen sind, wo man sich wohlfühlt, weil die Lage herrlich ist. Das schätzen die Leute ja auch, die wollen irgendwo schön sitzen. Und wenn es das einzige Restaurant ist, bei dem man quasi fast am Strand sitzt, hat es für die Empfehlung natürlich schon mal einen reizvollen Stellenwert. Dann gibt es Sachen, die ich im Laufe der Jahrzehnte selbst entdeckt habe.

00:22:23: Manchmal ist es auch schon die Art, wie die Speisekarte geschrieben ist oder wie die Tische eingedeckt sind – das deutet manchmal schon auf etwas Bestimmtes hin, was einen erwarten kann. So muss man das ein bisschen einsortieren und dann eine Auswahl treffen. Ich war letztes Jahr in der Bretagne auf Recherchereise und hatte das ganze Auto voller Mitbringsel. Bringen Sie sich von Ihren Reisen auch Dinge mit? Und wenn ja, was? Ein paar Produkte, aber gar nicht so viele. Zum Beispiel spezielles Salz aus der Camargue. Das kriegt man zwar hier auch, aber ich kaufe gerne eins, das mit Chili vermischt ist. Das kriegt man in Deutschland irgendwie nicht, ich wüsste jedenfalls nicht, wo. Solche Sachen nehme ich mit. Und in der Regel erst gegen Ende, wenn ich in einem Weingebiet bin, vielleicht mal eine Kiste Wein. Aber wenn ich drei Wochen im Auto herumfahre, kaufe ich den Wein nicht gleich am Anfang, sondern am Schluss. Sonst will ich das nicht die ganze Zeit durch die Gegend karren. Es kommen also schon ein paar Kleinigkeiten mit, Lavendel, Honig.

00:23:27: Oder in der Haute-Provence gibt es in einem Laden in Banon diese ganz tollen, meterlangen dünnen Salamis in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Wenn ich da gegen Ende der Reise bin, nehme ich mir ein bisschen was mit. Aber wie gesagt, das hängt ein bisschen davon ab, wie lange die Reise noch dauert. Manche verderblichen Produkte will ich nicht gleich am Anfang einpacken. Und gibt es schon ein neues Buchprojekt, einen neuen Reiseführer, an dem Sie schreiben? Einen neuen Reiseführer jetzt nicht. Ich habe genug damit zu tun, meine Reiseführer immer wieder zu aktualisieren. Es gibt über zwölf Reiseführer von mir, deswegen bin ich jedes Jahr ungefähr ein halbes Jahr damit beschäftigt, sie zu aktualisieren. Ich mache aber noch andere Projekte. Sie haben es ja gesagt: Ich schreibe auch Provence-Krimis. Da gibt es mittlerweile vier Bände, der letzte war „Blutroter Luberon“. Und im kommenden April, am 23. April 2026, erscheint der fünfte Krimi, „Nachtschwarzes Avignon“. Der ist gerade im Lektorat, da habe ich noch ein paar Lektoratsfragen. Und als Historiker mache ich ab und zu auch Sachbuchprojekte. Da bin ich gerade kurz davor,

00:24:50: dass ein neues Projekt entsteht, demnächst müsste es auch zum Vertragsabschluss kommen. Dann bin ich auch wieder mit Recherchesachen am heimischen Schreibtisch beschäftigt.

00:25:00: Oh, das klingt spannend. Beim neuen Buch fällt mir natürlich sofort ein: „Nachtschwarzes Avignon“ – dann müssten wir noch mal eine neue Folge machen und über Avignon und Ihr Buch sprechen. Sie sind ja sozusagen auf die Provence und die Côte d’Azur spezialisiert.

00:25:18: Wenn Sie noch einmal ganz frei wählen könnten: Würden Sie gerne noch einen anderen Teil Frankreichs beschreiben? Die Normandie habe ich ja quasi auch noch im Programm. Burgund ist auch eine Region, die ich relativ spannend finde, wobei da gar nicht so viele Deutsche hinfahren. Ich habe mal eine Analyse gelesen, dass deswegen auch gar nicht so viele Reiseführer über Burgund nachgefragt werden. Ich habe aber auch noch meine Lücken in Frankreich. Zum Beispiel war ich bis heute nicht wirklich in der Bretagne, außer in einem kleinen Teil, der direkt an die Normandie angrenzt. Aber so richtig in der Bretagne war ich bis dato noch nicht. Da möchte ich auch mal privat hinfahren, ohne dafür für einen Reiseführer recherchieren zu müssen, sondern ganz normal als neugieriger Reisender und Tourist, und mir die Bretagne ansehen. Ah, da kann ich etwas beisteuern, denn ich war schon häufiger in der Bretagne und bin ganz begeistert davon. Da kann ich Ihnen noch ein paar Tipps geben. Herr Nestmeyer, das war ein ganz spannendes Gespräch. Vielen Dank, dass Sie da waren, und ich hoffe, wir sprechen uns dann noch mal zu Avignon. Ja, ich danke Ihnen auch für das Gespräch, und vielleicht bis demnächst.

00:26:32: Während Herr Nestmeyer schon zur nächsten Recherchereise aufgebrochen ist, nehme ich den Bus und wandere noch ein bisschen in den Calanques. Vielleicht gehe ich auch noch eine Runde schwimmen. Dann fahre ich zurück und lasse die Farben und Gerüche von Marseille noch einmal richtig auf mich wirken. Wenn Ihnen unsere Folge gefallen hat, abonnieren Sie unseren Newsletter. Alle zwei Wochen gibt es hier neue Podcast-Folgen. Merci, dass Sie dabei waren. À bientôt bei „À table!“, Ihre Antje Seele.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.