Proteste in Frankreich: Warum dort anders gestritten wird als bei uns

Shownotes

EIGENTLICH WOLLTE ICH IN DIE NORMANDIE

Eigentlich sollte es heute an die Landungsstrände der Normandie gehen. Diese Folge kommt beim nächsten Mal. Stattdessen geht es um die Bilder, die in den letzten Tagen aus Frankreich zu sehen waren, und um die Frage, die viele von Ihnen beschäftigt: Was ist da los, und kann man im Moment überhaupt hinfahren?


WAS GERADE PASSIERT

Im September wurde die Bewegung an einem Gymnasium in Créteil im Südosten von Paris sichtbar, danach schlossen sich viele Schulen und Universitäten an. Am vergangenen Samstag kamen Gewerkschaften und Teile der Gelbwesten dazu, Hunderttausende waren auf der Straße, die allermeisten friedlich. In Limoges hat das historische Rathaus gebrannt, in Lyon ein Pavillon mit dem Tourismusbüro am Place Bellecour.


HÖFLICH IM ALLTAG, KLARTEXT IM KONFLIKT?

Ich erzähle, wie mir im Burgund der Käsehändler auf dem Markt zuerst die Hand gegeben hat und wie ich bei Airbus erlebt habe, dass französische Kolleginnen und Kollegen selten gleich zur Sache kommen. Ob diese Höflichkeit auch im Streit gilt, kann ich nicht beurteilen. Der Umgangston im Alltag sagt wenig darüber, wie eine Gesellschaft Konflikte austrägt.


EIN BLICK ZURÜCK: REVOLUTION, MAI 1968 UND STREIKRECHT

Von der Revolution von 1789 über den Mai 1968 bis zu den Gelbwesten und der Rentenreform: Wer auf die Straße geht, kann in Frankreich etwas verändern, auch wenn der Protest nicht immer erfolgreich ist. Dazu kommt, wie die beiden Länder organisiert sind. In Frankreich ist Streiken ein Recht jedes einzelnen Beschäftigten, in Deutschland ist es an Gewerkschaften und Tarifziele gebunden. Und obwohl in Frankreich nur etwa jeder zehnte Beschäftigte in einer Gewerkschaft ist, sind sie auf der Straße viel sichtbarer.


PROTEST IST NICHT DASSELBE WIE GEWALT

Eine Studie des Ifri in Paris vergleicht die Protestkultur beider Länder und zeigt, dass das Bild vom ewig streikenden Frankreich nur zur Hälfte stimmt. Mir ist außerdem wichtig: Demonstrieren und Streiken gehören zur Demokratie, Brandstiftung und Angriffe auf Menschen nicht.


WENN SIE GERADE EINE FRANKREICH-REISE PLANEN

Ich kann keine Entwarnung geben, aber ich sage Ihnen, worauf ich achten würde: die aktuellen Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts lesen, bei Zugfahrten Puffer einplanen und Demonstrationen in der Stadt großräumig ausweichen. Das Frankreich der kleinen Orte und Landstraßen ist meist weit weg davon, aber auch das kann sich ändern.


DAS ANDERE FRANKREICH IST NICHT WENIGER WAHR

Der Sommerabend in Moustiers-Sainte-Marie, als Jung und Alt auf dem Dorfplatz getanzt haben, und die Gastgeberin in der Bretagne, mit der ich nach dem Abendessen lange am Tisch saß, sind nicht unwahr geworden. Ich erzähle weiter von den Orten, die ich liebe, und schaue ab und zu genauer hin, was dieses Land bewegt.


Diese Folge  habe ich vollständig allein geschrieben, gesprochen, aufgenommen und geschnitten. Ich freue mich über Ihr Feedback und gerne auch über eine Bewertung des Podcasts.


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Das Transkript zum Nachlesen: tourexquisit.de/a-table-der-frankreich-podcast/proteste-frankreich-streitkultur-podcast/

Transkript anzeigen

00:00:06: Bienvenue bei „À table!“, dem Frankreich-Podcast von Tour Exquisit mit Antje Seele.

00:00:16: Eigentlich wollte ich Sie heute in die Normandie mitnehmen, an die Landungsstrände.

00:00:21: Diese Folge ist nicht gestrichen, sie kommt beim nächsten Mal.

00:00:25: Denn in den letzten Tagen kamen aus Frankreich andere Bilder: Demonstrationen in vielen Städten und an manchen Orten Feuer und Ausschreitungen.

00:00:34: In Limoges hat das historische Rathaus gebrannt, in Lyon ein Pavillon mit dem Tourismusbüro am Place Bellecour.

00:00:42: Mir ist klar, dass diese Bilder viele beschäftigen, die sich für Frankreich interessieren.

00:00:47: Vielleicht fragen Sie sich: Was ist da eigentlich los, und kann man im Moment überhaupt hinfahren?

00:00:52: Ich mache keinen politischen Podcast, und ich bin auch keine Politikwissenschaftlerin. Aber ich spreche hier jede zweite Woche über Gastgeber und gutes Essen.

00:01:02: Diese Bilder einfach zu übergehen, das finde ich falsch.

00:01:06: Deshalb gehe ich heute einer Frage nach, die mir schon manchmal gestellt wurde:

00:01:11: Warum wird in Frankreich so anders gestritten als bei uns?

00:01:15: Am Ende dieser Folge, so hoffe ich, können Sie die Nachrichten aus Frankreich etwas besser einordnen.

00:01:21: Was gerade passiert?

00:01:23: Sichtbar wurde es im September an einem Gymnasium in Créteil im Südosten von Paris.

00:01:29: Schülerinnen und Schüler gingen dort auf die Straße.

00:01:31: Danach schlossen sich viele Schulen und Universitäten im ganzen Land an.

00:01:36: Am vergangenen Samstag kamen Gewerkschaften dazu und auch Teile der Gelbwesten-Bewegung.

00:01:42: Inzwischen geht es um die hohen Lebenshaltungskosten. Hunderttausende waren auf der Straße, die allermeisten friedlich. An einigen Orten aber ist es zu Gewalt gekommen.

00:01:53: Wie es weitergeht, weiß im Moment niemand.

00:01:56: Ich werde hier auch keine Zahlen nennen, die morgen schon wieder überholt

00:01:59: sind.

00:02:00: Eine Beobachtung und ihre Grenze.

00:02:03: Was mir im Umgang mit Französinnen und Franzosen immer wieder auffällt: Ich erlebe sie als ausgesprochen höflich, höflicher, ehrlich gesagt, als wir es im Alltag oft sind.

00:02:14: Als ich im Burgund gewohnt habe, hat mir der Käsehändler auf dem Markt jedes Mal die Hand gegeben, bevor auch nur ein Wort über den Einkauf fiel.

00:02:22: Und wer in Frankreich einen Laden betritt, sagt zuerst „Bonjour Madame“ oder „Bonjour Monsieur“, auch wenn man dort niemanden kennt.

00:02:31: Im Beruf habe ich das ganz ähnlich erlebt. Ich habe eine Zeit lang bei Airbus gearbeitet, einem europäischen Konzern mit Werken in Frankreich und in Deutschland.

00:02:40: Meine französischen Kollegen kamen selten gleich zur Sache.

00:02:44: Erst ein wenig Smalltalk, dann das eigentliche Anliegen.

00:02:47: Wir Deutschen sind da oft direkter, und das wird in Frankreich schnell als unhöflich empfunden.

00:02:53: Ob diese Höflichkeit auch gilt, wenn gestritten oder gestreikt wird, kann ich nicht beurteilen.

00:02:58: Das habe ich so nie erlebt, und vielleicht ist das der Punkt: Der Umgangston im Alltag sagt wenig darüber aus, wie eine Gesellschaft ihre Konflikte austrägt.

00:03:08: Dafür muss man woanders hinschauen. Ein Blick zurück. Wer verstehen will, warum Protest in Frankreich so sichtbar ist, kommt an der Geschichte nicht vorbei.

00:03:19: Zuerst die Revolution von 1789. Im Lauf des 19. Jahrhunderts folgten weitere Aufstände und Umbrüche.

00:03:27: Und im Mai 1968 legten Studentenproteste und Generalstreiks das Land wochenlang lahm.

00:03:34: Das waren ganz unterschiedliche Zeiten und Konflikte, aber sie haben eine Erfahrung hinterlassen.

00:03:40: Wer auf die Straße geht, kann etwas verändern.

00:03:44: Diese Erfahrung reicht bis in die jüngere Zeit.

00:03:47: Vor einigen Jahren begann es mit den Gelbwesten, zunächst gegen höhere Spritpreise, und sie haben das Land monatelang beschäftigt.

00:03:54: Wenig später gingen Hunderttausende gegen die Rentenreform auf die Straße, wieder über Monate.

00:04:00: Die Reform kam trotzdem.

00:04:02: Protest ist in Frankreich also selbstverständlich, erfolgreich ist er deshalb noch lange nicht. Und niemand geht wegen eines Geschichtsbuchs demonstrieren.

00:04:11: Die Menschen gehen auf die Straße, weil sie sich um ihre Miete sorgen oder um die Schule ihrer Kinder.

00:04:17: Die Geschichte prägt nur, welche Form dieser Ärger annimmt.

00:04:21: Wie sind eigentlich Deutschland und Frankreich organisiert?

00:04:25: Mit Mentalität allein lässt sich das kaum erklären.

00:04:28: Aufschlussreicher finde ich, wie unterschiedlich beide Länder organisiert sind.

00:04:33: Frankreich ist stark auf Paris ausgerichtet.

00:04:36: Viele Entscheidungen fallen dort, und viele Menschen verbinden sie direkt mit der Regierung und dem Präsidenten.

00:04:42: Wer unzufrieden ist, weiß also sehr genau, an wen er sich wendet.

00:04:46: In Deutschland verteilt sich die Verantwortung auf Bund, Länder und Kommunen.

00:04:50: Vieles handeln Gewerkschaften und Arbeitgeber am Verhandlungstisch aus, bevor es auf der Straße landet.

00:04:56: Auch dieser Unterschied ist mir bei Airbus begegnet.

00:04:59: Wir haben mitbekommen, wenn auf französischer Seite die Werke bestreikt wurden und dass das bei uns anders geregelt war, meistens zumindest.

00:05:08: Das liegt vor allem am Streikrecht.

00:05:10: In Frankreich ist Streiken ein Recht jedes einzelnen Beschäftigten, verankert in der Verfassung.

00:05:16: Man braucht dafür keine Gewerkschaft.

00:05:18: Auch gegen Reformen wie bei der Rente wird in Frankreich gestreikt.

00:05:22: In Deutschland ist ein Streik an die Gewerkschaften gebunden und an Tarifziele.

00:05:26: Ein Streik gegen ein Gesetz gilt bei uns als unzulässig.

00:05:30: Dabei ist in Frankreich nur etwa jeder zehnte Beschäftigte Mitglied einer Gewerkschaft, in Deutschland sind es mehr.

00:05:37: Und trotzdem sind die französischen Gewerkschaften auf der Straße viel sichtbarer.

00:05:42: Das hat auch mit der Geschichte zu

00:05:43: tun.

00:05:44: Nach der Revolution waren Gewerkschaften in Frankreich fast hundert Jahre lang verboten.

00:05:49: Der Gedanke dahinter: Zwischen Bürger und Staat sollte niemand stehen.

00:05:54: Manche sehen darin bis heute einen Grund, warum die Franzosen eher auf die Straße vertrauen als auf Zwischeninstanzen.

00:06:01: Das Klischee stimmt nur halb.

00:06:04: Bei meiner Vorbereitung habe ich eine Studie des Ifri gelesen, des Institut français des relations internationales in Paris.

00:06:12: Sie vergleicht die Protestkultur beider Länder, und ihr Ergebnis passt nicht so recht zum gängigen Bild.

00:06:19: Dort heißt es sinngemäß: In Deutschland wächst die Protestbereitschaft.

00:06:23: In Frankreich gibt es eher weniger Demonstrationen.

00:06:26: Wenn dort aber protestiert wird, gehen auf einmal sehr viele Menschen gleichzeitig auf die Straße.

00:06:32: Das passt zu dem, was wir gerade sehen.

00:06:34: Und es zeigt, dass das Bild vom ewig streikenden Frankreich nur einen Teil der Wirklichkeit trifft.

00:06:40: Protest ist aber nicht dasselbe wie Gewalt.

00:06:43: Eine Unterscheidung ist mir heute besonders wichtig.

00:06:46: Demonstrieren und Streiken gehört zu einer Demokratie, in Frankreich wie in Deutschland.

00:06:51: Brandstiftung und Angriffe auf Menschen sind etwas anderes.

00:06:55: Die Bilder der letzten Tage darf man nicht kleinreden.

00:06:58: Sie machen Angst. Aber es wäre ungerecht, die vielen, die friedlich auf die Straße gehen, mit denen gleichzusetzen, die Feuer legen.

00:07:05: Als Reiseveranstalterin verfolge ich die Nachrichten aus Frankreich in diesen Tagen sehr genau.

00:07:10: Im Moment sind keine meiner Gäste dort unterwegs. Wäre das so, würde ich mich direkt bei Ihnen melden.

00:07:17: Wenn Sie selbst eine Reise planen, kann ich Ihnen keine Entwarnung geben.

00:07:21: Das kann gerade niemand seriös.

00:07:23: Aber ich kann Ihnen sagen, worauf ich achten würde.

00:07:26: Schauen Sie vor der Abreise in die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts.

00:07:30: Dort steht, Stand 18. Oktober:

00:07:33: Es kommt immer wieder zu Streiks, vor allem bei Bahn und Nahverkehr, und Demonstrationen sollte man meiden.

00:07:39: Das halte ich für einen vernünftigen Rat.

00:07:41: Bei Zugfahrten lohnt etwas Puffer, und einer Demonstration in der Stadt weicht man am besten großräumig aus.

00:07:48: Die Proteste spielen sich vor allem

00:07:50: in den Städten ab.

00:07:51: Das Frankreich, von dem ich hier sonst erzähle, mit seinen kleinen Orten und Landstraßen, ist davon meist weit weg.

00:07:58: Aber auch das kann sich ändern

00:08:00: und deshalb lohnt der Blick in die aktuellen Hinweise.

00:08:03: Das andere Frankreich ist nicht weniger wahr.

00:08:06: Wenn ich hier von Frankreich erzähle, dann zum Beispiel von dem Sommerabend in Moustiers, als auf dem Dorfplatz Jung und Alt zu einer nicht besonders guten Band getanzt haben, oder von der Gastgeberin in der Bretagne, mit der ich nach dem Abendessen noch lange am Tisch saß und darüber sprach, warum sie ihr Haus für Gäste öffnet. Das alles ist nicht unwahr geworden.

00:08:28: Und vielleicht haben einige von denen, die an jenem Abend in Moustiers getanzt haben, dieselben Sorgen um steigende Preise wie die Menschen, die am Samstag demonstriert haben.

00:08:38: Und der Zug, der uns in den Urlaub bringt, wird von Menschen gefahren, die ihre eigenen Arbeitsbedingungen haben.

00:08:44: Das schöne Frankreich und das unruhige Frankreich sind ein und dasselbe Land.

00:08:49: Für mich heißt das: Ich erzähle weiter von den Orten, die ich liebe, aber ich möchte ab und zu genauer hinschauen, was dieses Land bewegt.

00:08:57: Beim nächsten Mal reisen wir dann wirklich in die Normandie, an die Landungsstrände.

00:09:02: Auch dort geht es um Geschichte, die bis heute nachwirkt.

00:09:05: Wenn Sie diese Folge nicht verpassen möchten, folgen Sie „À table!“ am besten in Ihrer Podcast-App.

00:09:11: Bis bald!

00:09:13: À bientôt!

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