Normandie-Landungsstrände: Omaha Beach, Friedhöfe und was bleibt

Shownotes

UNVORBEREITET AN DEN LANDUNGSSTRÄNDEN


Nach ein paar Tagen in Étretat und Honfleur fahren mein Sohn und ich weiter an die Küste des Calvados, ohne großen Plan. Auf den ersten Blick wirkt sie ruhig: ein riesiger Himmel, lange Strände, normannische Wolken. Dann sehen wir den Panzer am Straßenrand, das Geschütz im Hang, Bombenkrater, in denen heute Wildblumen wachsen, und überall Schwarz-Weiß-Fotos von 1944.


DIE LAGE VOR DEM D-DAY


Erst dort und danach habe ich mich wirklich mit der Geschichte beschäftigt. Ich erzähle, warum die Deutschen die Landung am Pas-de-Calais erwarteten, wie die Alliierten sie mit Gummipanzern und falschem Funkverkehr täuschten und warum die Normandie schwächer verteidigt war.


WETTERFENSTER UND BEGINN DER INVASION


Vollmond, ruhige See und Ebbe kurz nach Sonnenaufgang: Im Juni 1944 gab es dafür nur drei Tage. Ein schottischer Meteorologe erkannte das Fenster für den 6. Juni. In der Nacht springen über 20.000 Fallschirmjäger ab, einer bleibt in Sainte-Mère-Église am Kirchturm hängen. Draußen auf dem Kanal nähern sich tausende Schiffe der Küste.


OMAHA BEACH


Am Omaha Beach ging fast alles schief. Eine kampferfahrene deutsche Division stand unbemerkt in den Bunkern, die Bomben fielen wegen der Wolken ins Hinterland. Rund 2.000 bis 2.500 Tote und Verwundete an einem einzigen Tag. Ich stand oben an der Küste und habe lange nur geschaut.


FRIEDHÖFE UND ERINNERUNG


Auf dem amerikanischen Friedhof in Saint-Laurent-sur-Mer stehen weiße Kreuze über dem Meer, auf dem deutschen Soldatenfriedhof in La Cambe graue Steinkreuze, ganz niedrig, davor rote Rosen. Beide Orte sind bedrückend, jeder auf seine Weise. Sie zeigen, was Krieg auf allen Seiten kostet und wie viel es wert ist, dass Deutschland und Frankreich heute gemeinsam das Herz Europas sind.


MIT KINDERN UND MIT ZEIT


Mein Sohn hat vieles direkter verstanden als ich. Ein französischer Comic aus dem Museumsshop hat ihm geholfen, das 360-Grad-Kino in Arromanches war für ihn zu viel. Vom Strand aus sieht man dort die Reste des künstlichen Mulberry-Hafens. Mein Rat: Planen Sie mindestens einen ganzen Tag ein und am besten jemanden, der Ihnen hilft, das Gesehene einzuordnen. Nächsten Dienstag erscheint eine Sonderfolge: mein Gespräch mit Jean Lenoir, der in der Normandie aufgewachsen ist und noch mit Zeitzeugen gesprochen hat.


Diese Folge – wie jede Episode von À table – habe ich vollständig allein geschrieben, gesprochen, aufgenommen und geschnitten. Ich freue mich über Ihr Feedback und gerne auch über eine Bewertung des Podcasts.


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00:00:06: Bienvenue bei „À table!“, dem Frankreich-Podcast von Tour Exquisit, mit Antje Seele.

00:00:13: Heute nehme ich Sie mit in die Normandie, aber nicht nach Étretat zu den Kalkfelsen und auch nicht in die hübschen Fischerorte an der Côte Fleurie.

00:00:22: Heute geht es an die Landungsstrände:

00:00:24: Omaha Beach, die Pointe du Hoc, die Friedhöfe. Und gleich vorweg:

00:00:30: Ich bin keine Historikerin.

00:00:32: Ich werde Ihnen hier nicht den Zweiten Weltkrieg erklären, das können andere sehr viel besser.

00:00:37: Was ich Ihnen erzählen kann, ist etwas anderes. Nämlich, was passiert, wenn man an einem ganz normalen Sommertag mit einem Siebenjährigen auf dem Rücksitz an diese Küste kommt,

00:00:47: ziemlich unvorbereitet, ehrlich gesagt, und dann plötzlich merkt:

00:00:52: Diese Geschichte hinterlässt Spuren.

00:00:56: Unvorbereitet ankommen.

00:00:59: Das war im Sommer 2020.

00:01:01: Mein Sohn und ich waren schon ein paar Tage in der Normandie unterwegs, weiter nördlich.

00:01:07: Étretat, Honfleur, die weißen Felsen, das Licht über dem Ärmelkanal. Herrlich.

00:01:13: Und dann sind wir weitergefahren, ohne großen Plan.

00:01:17: Natürlich kannte ich das Thema.

00:01:19: Ein befreundeter Architekt hat damals sein Diplom über die Landungsstrände geschrieben. Aber das ist lange her, und so richtig beschäftigt hatte ich mich nie damit.

00:01:29: Wir fuhren durch die Region und trafen viele Amerikaner auf den Spuren ihrer eigenen Geschichte.

00:01:36: Auf den ersten Blick sieht diese Küste gar nicht dramatisch aus. Ein riesiger Himmel, lange Strände, mal Sand, mal Kies, dann wieder Steilküste. Und dazu normannisches Wetter, also Wolken.

00:01:49: Man denkt: schöne Küste, ein bisschen grau vielleicht.

00:01:54: Dann haben wir begonnen, Dinge zu sehen.

00:01:56: Da stand ein Panzer am Straßenrand. Da ragt ein Geschütz aus Beton aus dem Hang.

00:02:02: Stacheldraht. Und in den Wiesen diese Löcher: Bombenkrater, in denen heute Wildblumen wachsen.

00:02:10: Überall hängen Fotos, Schwarz-Weiß-Aufnahmen von 1944. Dieselbe Küste, dieselben Strände, nur eben damals ganz anders.

00:02:22: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mich das so berührt. Wo man da gerade steht: die Lage im Juni 1944.

00:02:34: Ich habe mich erst dort und danach wirklich mit dem Geschehen beschäftigt. Hier eine kleine Einführung.

00:02:42: Frühsommer 1944.

00:02:44: Der Krieg dauert schon fast fünf Jahre.

00:02:47: Im Osten kämpft die Wehrmacht seit 1941 gegen die Sowjetunion,

00:02:53: und seit Stalingrad verliert sie dort immer mehr Boden.

00:02:56: Die Rote Armee rückt vor. In Italien haben die Alliierten gerade Rom befreit, am 4. Juni, also zwei Tage vor der Landung in der Normandie.

00:03:05: Die Zeitungen sind voll mit Rom, und in England laufen währenddessen schon die letzten Vorbereitungen für die größte Militäroperation der Geschichte.

00:03:14: Die Idee dahinter war eigentlich ganz einfach: Deutschland sollte an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen müssen. Im Osten, in Italien und jetzt eben auch im Westen.

00:03:26: Drei Fronten auf einmal, das hält auf Dauer niemand durch.

00:03:30: Bleibt die Frage: Wo landet man?

00:03:33: Die Deutschen haben fest damit gerechnet, dass das weiter nördlich passiert, am Pas-de-Calais.

00:03:38: Da ist der Ärmelkanal am schmalsten, nur etwa 33 Kilometer breit.

00:03:43: Dort war der Atlantikwall auch am stärksten ausgebaut.

00:03:46: Die Normandie dagegen war vergleichsweise schwach verteidigt, und das haben die Alliierten ganz gezielt genutzt.

00:03:54: Es gab ein Täuschungsmanöver mit aufblasbaren Gummipanzern, mit Fahrzeugen aus Pappe, mit gefälschtem Funkverkehr.

00:04:02: Alles scheinbar in Südostengland stationiert, genau gegenüber von Calais, und angeblich unter dem Kommando von General Patton, ausgerechnet dem General, den die Deutschen am meisten gefürchtet haben.

00:04:15: Die deutsche Luftaufklärung hat diese Armee gesehen, der Funk hat sie gehört.

00:04:20: Also war klar: Der große Schlag kommt bei Calais.

00:04:24: Selbst am Morgen des 6. Juni hielt Hitler die Meldung aus der Normandie noch für ein Ablenkungsmanöver.

00:04:31: Und dann war da noch das Wetter.

00:04:33: Die Invasion brauchte eine ganz seltene Kombination: ruhige See, Vollmond, damit die Fallschirmjäger in der Nacht etwas sehen, und Ebbe kurz nach Sonnenaufgang, damit man die deutschen Hindernisse am Strand erkennen und umgehen konnte.

00:04:49: Im Juni 1944 gab es dafür genau drei Tage: den 5., den 6. und den 7. Juni, und danach erst wieder vom 18. bis zum 20.

00:05:01: Eisenhowers Chef-Meteorologe war ein Schotte, James Stagg. Und der hat sich für den 6. Juni ausgesprochen, gegen den Rat anderer Experten.

00:05:11: Da gab es ein ganz kurzes Wetterfenster, in den Daten kaum zu erkennen.

00:05:15: Stagg hat es gesehen.

00:05:17: Hätte er sich geirrt, wäre alles um zwei Wochen verschoben worden. Zwei Wochen, in denen die Deutschen die Vorbereitungen hätten entdecken können.

00:05:25: Wenn Sie diese Dramatik verstehen wollen, dann schauen Sie den Kinofilm „Pressure“.

00:05:30: Den habe ich letzte Woche gerade gesehen, er läuft leider nur noch in kleinen Programmkinos.

00:05:35: In der Nacht vom 5. auf den 6. Juni springen über 20.000 Fallschirmjäger hinter den Stränden ab.

00:05:42: Im Dunkeln, bei Wind, über Gelände, das sie nicht kennen.

00:05:46: Viele landen weit weg von ihrem Ziel.

00:05:49: Manche ertrinken in den Sümpfen, die die Deutschen geflutet hatten.

00:05:53: Andere bleiben in Bäumen hängen. Und einer bleibt in Sainte-Mère-Église,

00:05:57: einem der ersten befreiten Orte, mit seinem Fallschirm am Kirchturm hängen, während unter ihm und um ihn herum gekämpft wird.

00:06:05: Er hat überlebt, und heute hängt dort am Kirchturm eine Figur, die an ihn erinnert.

00:06:11: Und während das alles passiert, fahren in dieser Nacht draußen auf dem Kanal Tausende Schiffe auf die Küste zu.

00:06:18: Rund 150.000 Soldaten an einem einzigen Tag, verteilt auf ungefähr 80 Kilometer Küste. Fünf Abschnitte, von West nach Ost: Utah, Omaha, Gold, Juno, Sword.

00:06:34: Ich habe mir da oben auf der Klippe vorgestellt, wie das gewesen sein muss. Diese jungen Männer auf den Schiffen, nachts, im Wellengang, wahrscheinlich seekrank. Was die wohl gedacht haben? Ob die geahnt haben, was da auf sie zukommt?

00:06:48: Omaha Beach.

00:06:50: Omaha Beach ist der Name, den fast jeder kennt. Und wenn man dort steht, versteht man auch, warum.

00:06:57: Die Alliierten hatten dort mit einem verstärkten Bataillon gerechnet, also so 800 bis 1.000 Mann. Was sie nicht wussten:

00:07:05: Ein paar Wochen vorher war unbemerkt eine ganz andere Einheit in Stellung gegangen, die 352. Infanteriedivision,

00:07:13: kampferfahrene Soldaten, viele kamen von der Ostfront.

00:07:18: Darauf war niemand vorbereitet.

00:07:20: Und dann ging auch noch das Bombardement schief. Die Bomber sollten die Befestigungen am Strand zerstören, aber wegen der Wolken haben sie ihre Bomben ein paar Sekunden zu spät abgeworfen, und die sind dann kilometerweit im Hinterland eingeschlagen.

00:07:36: Die Bunker standen also noch, die Deutschen saßen drin, und unten kamen die Landungsboote an.

00:07:42: Und diese jungen Männer, viele kaum 20, mit 40 Kilo Ausrüstung auf dem Rücken, mussten raus ins Wasser und dann über den offenen Strand, je nach Gezeiten bis zu 300 Meter.

00:07:55: Und von oben wurde geschossen, aus genau den Bunkern, die eigentlich längst hätten zerstört sein sollen.

00:08:01: Rund 2.000 bis 2.500 Tote und Verwundete, allein an diesem Strand, an diesem einen Tag.

00:08:10: Ich stand da und habe einfach nur geschaut. Ich weiß bis heute nicht so richtig, wie ich das Gefühl in Worte fassen soll.

00:08:18: Und ich glaube, genau deshalb sind diese Orte so wichtig.

00:08:20: Nicht als Siegesdenkmal, sondern weil man begreift, was Krieg kostet, auf allen Seiten. Und warum es so viel wert ist, dass Deutschland und Frankreich heute gemeinsam das Herz von Europa sind.

00:08:32: Die Friedhöfe und die Erinnerungskultur.

00:08:36: Wir waren auf zwei Friedhöfen. Auf dem amerikanischen in Saint-Laurent-sur-Mer, direkt über Omaha Beach: weiße Kreuze, Reihe um Reihe, und dahinter das Meer. Und in La Cambe, auf dem deutschen Soldatenfriedhof:

00:08:50: graue Steinkreuze, ganz niedrig,

00:08:52: fast im Boden. Das wirkt völlig anders.

00:08:56: Bedrückend sind beide, aber jeder auf seine Weise.

00:08:59: Der amerikanische Friedhof hat etwas Erhabenes, fast Feierliches.

00:09:04: La Cambe ist stiller, schwerer, diese grauen Kreuze so flach, fast geduckt, davor rote Rosen.

00:09:11: Auf dem amerikanischen Friedhof waren viele Besucher aus den USA, ganze Familien, die den Spuren ihrer eigenen Geschichte nachgehen.

00:09:20: Und ich musste jetzt beim Schreiben dieses Podcasts an die Feiern zum 80. Jahrestag vor zwei Jahren denken.

00:09:27: Da saßen die letzten Zeitzeugen im Rollstuhl und wurden geehrt, Menschen zwischen 98 und 104 Jahren:

00:09:35: Amerikaner, Briten, Franzosen.

00:09:39: Mein Sohn hat das alles sehr direkt aufgenommen.

00:09:41: Den Fallschirmjäger am Kirchturm in Sainte-Mère-Église hat er sofort

00:09:45: verstanden.

00:09:46: Da braucht es manchmal gar keine langen Erklärungen.

00:09:50: Mit einem Kind dort: Ich war ja mit einem Siebenjährigen unterwegs, und Kinder nehmen solche Orte oft viel direkter wahr als wir,

00:09:58: ohne die ganzen Schichten, die wir Erwachsenen so mitschleppen.

00:10:02: Er hat mir Fragen gestellt, auf die ich ehrlich gesagt nicht immer eine Antwort hatte. In einem der Museumsshops haben wir dann einen Comic über 1944 gekauft, auf Französisch, aber der hat ihm sehr geholfen, sich dem Thema zu nähern.

00:10:17: In Arromanches-les-Bains gibt es das Cinéma Circulaire, ein 360-Grad-Kino mit Originalaufnahmen vom D-Day.

00:10:25: Ich bin kurz rein und gleich wieder raus.

00:10:27: Für einen Siebenjährigen war das einfach nicht das Richtige.

00:10:30: Keine Kritik am Kino, nur ein Tipp:

00:10:33: Überlegen Sie vorher, was zu Ihren Kindern oder Enkeln passt.

00:10:38: Arromanches ist übrigens auch der Ort, an dem die Alliierten einen ihrer künstlichen Häfen gebaut haben, die sogenannten Mulberry-Häfen.

00:10:46: Die Reste aus Beton liegen bis heute draußen im Meer, die sieht man vom Strand aus.

00:10:51: Ein ganz stilles Bild.

00:10:54: Was man braucht, um diese Orte zu verstehen.

00:10:58: Ein paar Tage später habe ich dann noch Jean getroffen.

00:11:01: Jean ist Guide, er kennt die Region sehr gut und hat noch Kontakt zu Menschen, die ganz persönliche Erinnerungen an diese Zeit haben.

00:11:09: An dem Tag, als ich an den Stränden war, hatte er leider keine Zeit. Aber das Gespräch danach hat für mich noch einmal eine ganz neue Tür aufgemacht.

00:11:17: Was ich Ihnen damit sagen möchte: Diese Orte brauchen Zeit.

00:11:21: Das ist kein Fotostopp auf dem Weg von Étretat zum Mont-Saint-Michel.

00:11:25: Planen Sie mindestens einen ganzen Tag ein und am besten jemanden, der Ihnen hilft, einzuordnen, was Sie da sehen.

00:11:33: In meiner Normandie-Reise habe ich deshalb einen ganzen Tag für die Landungsstrände vorgesehen, mit einer Auswahl an Orten, die ich für sinnvoll halte. Nicht alles, was es gibt, und auch keine Route zum Abhaken, sondern eine gut überlegte Begegnung mit diesem Teil unserer Geschichte.

00:11:49: Wenn Sie das interessiert, schauen Sie gern auf tourexquisit.de bei den Reiseangeboten Normandie vorbei. Oder schreiben Sie mir einfach direkt.

00:12:00: Am Abend nach den Stränden haben wir noch in einem kleinen Fischerort gegessen, direkt am Hafen. Und ich weiß noch genau, wie seltsam das war:

00:12:08: draußen die Boote, die Möwen, die Abendsonne, und im Kopf immer noch diese Bilder vom Tag.

00:12:14: Diese Orte lassen einen nicht einfach weiterziehen. Man nimmt sie mit.

00:12:20: Da mir die Geschichte der Landungsstrände besonders am Herzen liegt, gibt es diesmal eine Sonderfolge.

00:12:26: Schon nächsten Dienstag erscheint mein Gespräch mit Jean Lenoir.

00:12:30: Jean ist in der Normandie aufgewachsen,

00:12:32: diese Geschichte hat ihn geprägt, und er hat noch mit Zeitzeugen gesprochen.

00:12:37: Freuen Sie sich auf ein sehr persönliches Gespräch, auf Deutsch.

00:12:42: Wenn Sie Fragen haben oder mehr über meine Normandie-Reise wissen möchten, schreiben Sie mir an info@tourexquisit.de,

00:12:49: Betreff „Normandie“.

00:12:51: Ich antworte Ihnen persönlich. À bientôt, Ihre Antje Seele.

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